Organspende
Transplantation

Großbritannien: bessere Organtransplantationen

DIATRA-Redaktion

26. Nov. 2025 · 4 Min. Lesezeit

Eine neue Technik zur Sauerstoffversorgung von Spenderorganen wird nun im gesamten Vereinigten Königreich eingeführt. Sie soll nicht nur die Zahl der Transplantationen erhöhen, sondern auch dafür sorgen, dass die Organe länger und zuverlässiger funktionieren.
Die Methode heißt Abdominal Normothermic Regional Perfusion (ANRP). Dabei wird sauerstoffreiches Blut direkt nach dem Tod durch Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse von Spender:innen geleitet, deren Tod nach Herz-Kreislauf-Stillstand festgestellt wurde – sogenannte DCD-Spender:innen [Donors after Circulatory Death; Organspender:innen nach Herz-Kreislauf-Stillstand].
Bisher lief ANRP erfolgreich als Pilotprojekt an mehreren Transplantationszentren. Jetzt, nachdem Studien die Wirksamkeit bestätigt haben, wird die Technik landesweit von NHS Blood and Transplant (NHSBT) [britische staatliche Organisation für Blut- und Organspende] eingeführt, finanziert durch das britische Gesundheitsministerium sowie die Gesundheitsbehörden von Schottland, Wales und Nordirland.

Mehr Organe, weniger Todesfälle

Die Einführung von ANRP wird nicht nur die Zahl verfügbarer Organe erhöhen, sondern auch helfen, die Zahl der Todesfälle auf der Warteliste zu verringern. Besonders beeindruckend ist der Effekt bei Lebertransplantationen: NHSBT schätzt, dass durch die landesweite Nutzung von ANRP etwa 150 zusätzliche Lebertransplantationen pro Jahr möglich sind.
Eine klinische Bewertung zeigte, dass Organe, die mit ANRP behandelt wurden, deutlich besser funktionieren. Menschen, die eine Lebertransplantation mit ANRP erhielten, hatten ein 51 % geringeres Risiko für Transplantatversagen nach 12 Monaten im Vergleich zu ähnlichen DCD-Lebern ohne ANRP.
Auch bei Nierentransplantationen macht ANRP einen Unterschied: Die Wahrscheinlichkeit für eine verzögerte Wiederaufnahme der Nierenfunktion (delayed graft function, DGF [verzögerte Wiederaufnahme der Nierenfunktion nach Transplantation]) sank um 35 %. Zudem deutet der Messwert der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR [estimated glomerular filtration rate; geschätzte Filterleistung der Niere]) nach einem Jahr darauf hin, dass Nieren mit ANRP etwa fünf Jahre länger funktionsfähig bleiben könnten.
Im Durchschnitt ermöglicht ANRP 3,3 Organtransplantationen pro Spender:in, während es ohne ANRP nur 2,6 sind. Besonders bei der Leber zeigt sich der Effekt deutlich: Mit ANRP führt fast jede zweite Spende zu einer Lebertransplantation (63 %), während es ohne ANRP nur in 34 % der Fälle klappt.

Wie ANRP die Organe schützt

Bei DCD-Spender:innen ist die Durchblutung der inneren Organe während des Sterbeprozesses stark eingeschränkt, und nach dem Tod bleibt sie komplett aus, bis die Organe gekühlt werden können. ANRP pumpt nun sauerstoffreiches Blut durch die Organe und stellt ihre Energiespeicher [vor allem ATP in den Zellen, das die Energieversorgung der Organe sicherstellt] wieder her. So überstehen sie den Transport und die Kühlung besser und haben später höhere Chancen, beim Empfänger gut zu funktionieren.

Landesweite Einführung und Finanzierung

Die Pionierarbeit mit ANRP wurde unter anderem am Addenbrooke’s Hospital in Cambridge und am Royal Infirmary of Edinburgh geleistet. Sechs der zehn abdominalen Transplantationszentren im Vereinigten Königreich hatten die Technik bereits im Pilotbetrieb eingesetzt.
Dank der neuen zentralen Finanzierung durch die vier Gesundheitsministerien wird bis 2027 jedes der zehn abdominalen Entnahmeteams dauerhaft mit ANRP ausgestattet. Gleichzeitig ermöglicht die Finanzierung einen landesweiten Austausch von ANRP-Organen zwischen den Zentren.

Alex Cornishs Geschichte

Ein Beispiel für den Unterschied, den ANRP machen kann, ist Alex Cornish. Die 38-Jährige erhielt ihre Lebertransplantation 2025 am Royal Free Hospital in London. Sie litt an Leberversagen aufgrund von autoimmuner Hepatitis [Entzündung der Leber durch das Immunsystem] und primär sklerosierender Cholangitis [chronische Entzündung und Vernarbung der Gallengänge].
„Wenn man auf der Warteliste steht, ist es, als hätte man eine dunkle Wolke über sich. Man zeigt ein Lächeln für die Kinder, aber dieses Gefühl bleibt. Zu viele Menschen sterben auf der Warteliste. Ich war so aufgeregt, als der Anruf kam. Jetzt fühle ich mich wirklich gut. Ich bin dem Krankenhaus und der Familie des Spenders sehr dankbar. Die neue Leber-Technik ergibt wirklich Sinn – das sollte so oft wie möglich angewendet werden“, erzählt Alex.
Die verheiratete Mutter von Jacob (15) und Evelyn (13) aus Sennybridge in Wales genießt nun wieder Zeit mit ihrer Familie und kann ihr Leben aktiv gestalten. Für sie ist jeder Tag ein Geschenk – dank ANRP.