Panorama

Eine schöne Bescherung oder: Das Märchen vom prämierten Weihnachtsplätzchenrezept

Rupertus Insaccum

11. Dez. 2025 · 3 Min. Lesezeit

DIATRA 4-2025
Vor langer, langer Zeit war die honorige Weihnachtsbäckereifachvereinigung ein Zusammenschluss von besonders redlichen Weihnachtsbäckern.
Weihnachtsbäcker gab es gar nicht so viele, davon manche jüngere im Beruf und viele ältere mit viel Erfahrung und Ansehen, und sie alle waren eine stolze Zunft und backten für ihr Leben gerne leckere Plätzchen. Und sie verlangten von sich und allen in ihrer Umgebung ein besonders ordentliches Arbeiten, da sie wussten, dass sie in einem besonders sensiblen Bereich des Nahrungsmittelgewerbes arbeiteten – denn wer will schon an Weihnachten unverdauliche Plätzchen essen?
Die Weihnachtsbäcker waren daher in einer Fachvereinigung mit strengen Regeln organisiert, und sie beteuerten zu jeder Zeit die Wichtigkeit von übergeordneten Regeln für Fachvereinigungen, darunter einen nationalen Kodex zur Sicherung guter Praxis im Koch- und Backwesen.
Aus den Reihen der Weihnachtsbäcker wurde ein besonders honoriger Vorstand der Weihnachtsbäcker gewählt. Dieser wechselte in regelmäßigen Abständen, um den Vorstands-Kochlöffel und die Ehre an den jeweils nächsten Honorigen weiterzugeben, sodass es zur Zeit dieses Märchens gleich eine ganze Reihe von Vorständen gab, frühere, aktuelle und designiert nachfolgende Vorstände.
Und die jeweils neuesten Kreationen in der Weiterentwicklung von Weihnachtsplätzchenrezepten wurden auf Jahresmärkten präsentiert und teilweise sogar prämiert.
Zu einer gewissen Zeit ergab sich eine kaum glaubbare Diskussion um ein mögliches Fehlverhalten in der Szene. Konkret hatte ein Vorstand die Idee für ein neues Rezept entwickelt und das daraus entstandene Plätzchen mit seinem Team auf einem Jahresmarkt präsentiert; andere Vorstände prämierten das Ergebnis als besonders gelungen. Ein weiterer, bis dato wohl unbeteiligter, Vorstand hörte von den Vorzügen dieses Rezepts und brachte es nachfolgend mit Mitarbeitern des ersten Vorstands und mit anderen Honorigen aus der Community der Weihnachtsbäckerei in die Öffentlichkeit. Und sie alle gaben das neue Plätzchenrezept als ihre gemeinsame Erfindung aus.
Der erste Vorstand wurde hier jedoch nicht berücksichtigt, sah sich um seine Idee gebracht und war erzürnt.
Weitere, neutrale Mitglieder der Bäckereifachvereinigung wurden eingebunden und um Prüfung des Vorgangs gebeten. Allerdings kam es nie zu einer Aussprache oder gar Klärung, denn alle Beteiligten schwiegen zu allen Vorgängen beharrlich. Vielleicht in der Hoffnung, der irgendwann kommende Frühling würde alle Gedanken an Plätzchen schon verdrängen.
Keiner allerdings bedachte, dass die Geschichte dann doch irgendwann die Runde in die Öffentlichkeit machen und man die so oft bemühte Redlichkeit der Weihnachtsbäckereifachvereinigung insgesamt hinterfragen würde. Denn wo gab es denn das schon einmal, dass man einen Vorwurf auf ein Fehlverhalten nicht intern aufklärte, zumal so viele honorige Sachkundige eingebunden waren?
Und die Moral von der Geschichte?
Dreistigkeit lebt vielleicht für immer fort. Ideale und Ehrlichkeit gibt es vielleicht nur im Märchen, wenn sie denn nicht (aus)gestorben sind.
Rupertus Insaccum
(Diese Satire, die wir niemanden vorenthalten möchten, wurde der Redaktion anonym zugesandt)