Portrait

„Mehr arbeiten? Dann sagt ehrlich, dass euch unser Zusammenbruch egal ist.“

Christian Fuchs

13. März 2026 · 2 Min. Lesezeit

DIATRA 1-2026
Politisch wird wieder gefordert: „Die Deutschen müssen mehr arbeiten.“ Mehr Stunden. Mehr Einsatz. Mehr Belastung.
Ich arbeite auf einer Intensivstation. 3 Pflegefachkräfte. 12 Intensiv­pa­tient­:innen. Plus Schockraum.
Und es fühlt sich längst nicht mehr wie eine Diskussion an, sondern wie ein kollektives Wegsehen vor einer Realität, die täglich Menschen kaputtmacht.
Der Dienst beginnt.
Zwölf Menschen kämpfen um ihr Leben. Viele beatmet. Einige instabil. Einer frisch reanimiert.
Katecholamine laufen, Dialyse piept, Monitore schreien ohne Pause.
Parallel der Schockraum – jederzeit bereit für Polytrauma, Reanimation, Notfälle ohne Vorwarnung.
Vier hochkritische Patient:innen pro Pflegekraft.
Ein einziger zusätzlicher Alarm, und das fragile Gleichgewicht bricht zusammen.
Pause steht im Dienstplan.
In der Realität isst du hastig, kalt, im Stehen – wenn überhaupt. Zur Toilette gehst du mit Schuldgefühlen, weil du weißt: Während du kurz weg bist, könnte jemand sterben.
Ein Moment brennt sich ein:
Ein Patient rutscht in den Schock, der Blutdruck fällt dramatisch.
Gleichzeitig Alarm im Nachbarzimmer.
Dann die Meldung: Schockraum, Ver­kehrsunfall, jung, kritisch.
Du musst entscheiden. Jetzt.
Wen du zuerst versorgst.
Wen du warten lässt.
Diese Entscheidungen verfolgten dich später, wenn alles still ist und du nicht schlafen kannst.
Ich denke an eine Kollegin.
Jahrelang loyal. Immer eingesprungen. Nie Nein gesagt.
Überstunden jenseits jeder Grenze, freie Tage gestrichen, Urlaub verschoben.
Eines Tages bleibt ihr Spind leer.
Burnout. Zusammenbruch.
Die erste Reaktion war nicht Mitgefühl – sondern die Frage, wer ihre Dienste übernimmt.
Das ist kein Drama für Schlagzeilen.
Das ist Alltag.
Ein System, das Pflegekräfte verbrennt und sich wundert, warum niemand mehr bleiben will.
Und trotzdem heißt es: Mehr arbeiten.
Mehr Nächte. Mehr Wochenenden. Mehr Druck.
Wer das fordert, war nie in einem Raum, in dem man alles geben will und merkt, dass Körper und Seele nicht mehr können.
Wenn Pflegekräfte gehen, verschwinden keine Zahlen.
Es verschwinden Gesichter.
Erfahrung. Sicherheit. Menschlichkeit am Bett.
Und irgendwann liegt dort jemand, den ihr liebt.
Und wartet.
Und hofft, dass jemand kommt.
Dann erinnert euch daran, dass wir es gesagt haben.
Christian Fuchs, 
Intensivpfleger und Gründer von FAIR plus
Dieser Text erschien am 29. Januar 2026 auf LinkedIn