DKG zur Organspende: viel Praxisnähe, wenig Festlegung
DIATRA-Redaktion
16. März 2026 · 4 Min. Lesezeit
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Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert mehr Aufklärung, klarere Regeln und bessere Strukturen bei der Organspende. Das ist sinnvoll, allerdings zeigt das neue Positionspapier auch, wie lange bekannte Probleme beschrieben werden, ohne dass diese wirklich gelöst werden.
Bei der Organspende in Deutschland ist der Befund seit Jahren unerquicklich: Die Zahl der postmortalen Spender bleibt niedrig, zugleich warten weiterhin durchschnittlich mehr als 8.000 Menschen auf ein Organ. Die DKG betont sagt, es herrsche „dringender Handlungsbedarf“.
Nicht nur ein Klinikproblem
Seine Stärke hat das Papier dort, wo es die Verantwortung nicht einfach nur bequem bei den Krankenhäusern ablädt. Die DKG nennt die Förderung der Organspende ausdrücklich eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ und betont, dass die Ursachen niedriger Spenderzahlen „zahlreich und komplex“ seien. Eine Zuweisung der alleinigen Verantwortung an die Kliniken werde der Komplexität des Themas nicht gerecht.
Das ist die realistische Beschreibung eines Problems, das eben nicht nur an Abläufen in Entnahmekrankenhäusern hängt, sondern auch an Aufklärung, Vertrauen, Dokumentation und politischen Rahmenbedingungen.
Der eigentliche Praxispunkt
Hervorzuheben ist der Blick auf die Praxis: Im Ernstfall scheitert Organspende nämlich nicht nur an grundsätzlicher Bereitschaft. Die DKG sieht das folgendermaßen: Die Entscheidung müsse „rechtssicher“ dokumentiert werden, und der dokumentierte Wille müsse für Krankenhäuser „unkompliziert zugänglich“ sein.
Häufig fehle eine solche schriftliche Festlegung, sodass Angehörige über die Frage der Organspende im Sinne der verstorbenen Person entscheiden müssten. Auch beim Organspende-Register sieht die Gesellschaft Nachbesserungsbedarf: Bislang hätten nur wenige Menschen dort ihre Entscheidung dokumentiert.
Vertrauen entsteht nicht durch Appelle
Bei der Aufklärung listet die DKG Gründe auf, die die Spendebereitschaft beeinflussen: mangelnde Beschäftigung mit dem Thema, die Vermeidung einer Auseinandersetzung mit Tod und Sterben, Zweifel am Hirnfunktionsausfall, religiöse, kulturelle und ethische Vorbehalte, Angst vor Missbrauch und mangelndes Vertrauen in das Organspendesystem.
Die bisherigen Informationsmaßnahmen hätten ihr Ziel nicht erreicht, eine flächendeckende Entscheidung zu bewirken. Statt vieler Einzelaktionen fordert die DKG deshalb eine „nachhaltige, langjährige Kampagne mit hohem Wiedererkennungswert“. Alle Prozesse müssten „transparent und nachvollziehbar“ dargelegt werden; zugleich müsse Vertrauen geschaffen werden. Das hat man schon häufiger gehört bzw. gelesen. Um es mit einem DIATRA-Slogan zuzuspitzen: Es braucht nicht einen „Tag der Organspende“, denn „Jeder Tag ist Tag der Organspende“ = Die Organspende braucht eine permanente Kampagne, auf jeden Fall nicht nur einen Tag im Jahr, um die Bevölkerung für dieses Thema zu sensibilisieren.
Das Papier fordert u.a., dass die Aufklärung früher beginnt, z-B. durch eine stärkere Integrierung des Themas in Schulen. Ebenso wichtig sei der Hinweis, dass Aufklärung nicht belehren, sondern die „Selbstbestimmung und freiwillige Entscheidung“ ermöglichen soll.
Zurückhaltung bei der Widerspruchsregelung
Bei der Widerspruchsregelung bleibt die DKG zurückhaltend: Sie fordert eine Debatte über die bestehende Entscheidungslösung, die Widerspruchsregelung (WSR) und eine verpflichtende Entscheidungslösung, spricht sich aber „weder für noch gegen“ die WSR aus. Für die Krankenhäuser seien vor allem „eindeutige und aufwandsarme gesetzliche Rahmenbedingungen“ notwendig.
Wer mehr erwartet, muss mehr ermöglichen
Nach einer politisch eher vorsichtigen Haltung, überzeugt die DKG in dem Punkt des Klinikalltags: Hier beschreibt sie die erhebliche psychologische Belastung des ärztlichen und pflegerischen Personals und fordert, die Organspende stärker in Aus-, Weiter- und Fortbildung zu verankern. Gerade Gespräche mit Angehörigen in zeitlicher Nähe zur Todesnachricht seien besonders belastend.
Organspende sei keine Verwaltungsroutine. Wer von Kliniken sichere Prozesse, sensible Kommunikation und eine verlässliche Erkennung potenzieller Spender erwartet, muss auch die personellen und organisatorischen Voraussetzungen dafür schaffen.
In diese Richtung gehen auch die strukturellen Forderungen der DKG. Sie will an Freistellung und Finanzierung der Transplantationsbeauftragten (TxB) festhalten, ihre Tätigkeit stärker spezialisieren und aufwerten sowie die Zahl der DSO-Koordinator:innen nicht reduzieren. Hinzu kommen Überlegungen zu Netzwerken, Kooperationen und neuen Organisationsformen. Das ist pragmatisch und deutlich konkreter als vieles, was in politischen Debatten sonst unter Reform zu hören ist.
Fazit
Das DKG-Papier verspricht keine Wunderlösung, sondern beschreibt ziemlich genau, wo das System hakt: bei Information, Vertrauen, Dokumentation, Personal und Organisation. Gerade deshalb legt es aber auch ein altes deutsches Problem offen: Man weiß erstaunlich genau, was verbessert werden müsste. Nur beim entschlossenen Umsetzen hapert es schon viel zu lange – und genau das ist für die Menschen auf den Wartelisten die eigentliche schlechte Nachricht.