Zum Tag der Organspende macht Spektrum Dialyse deutlich: Die geplante Widerspruchslösung kann ein wichtiger Schritt sein, löst aber nicht das zentrale Problem. Noch immer werden in Deutschland zu wenige potenzielle Organspender in den Kliniken erkannt und gemeldet. Entscheidend sind deshalb nicht nur gesetzliche Änderungen, sondern auch verbindliche Abläufe, klare Zuständigkeiten und bessere Strukturen in Krankenhäusern. Denn für mehr als 8.000 Menschen auf den Wartelisten zählt am Ende nicht die politische Debatte, sondern ob aus Bereitschaft tatsächlich Hilfe wird.
Organspende in Deutschland: Widerspruchslösung ist ein Schritt – aber das eigentliche Problem bleibt ungelöst
(Saarbrücken, 18. Mai 2026 – anlässlich des Tags der Organspende)
Seit Jahrzehnten wird in Deutschland über Organspende diskutiert, Gesetze werden angepasst und neue Modelle eingeführt. Für die Menschen auf den Wartelisten hat sich dennoch eines nicht grundlegend verändert: Es fehlen weiterhin Spenderorgane, die für viele Patienten überlebensentscheidend sind.
Aktuelle Zahlen zeigen die Realität deutlich. Zwar ist die Zahl der Organspender zuletzt leicht gestiegen, doch stehen weiterhin mehr als 8.000 schwerkranke Menschen auf der Warteliste. Demgegenüber stehen nur rund 1.000 Spender pro Jahr. Der Bedarf übersteigt die verfügbaren Organe weiterhin deutlich.
Die politische Diskussion richtet sich aktuell erneut auf die Einführung der Widerspruchslösung. Sie kann ein wichtiger Schritt sein, um die Organspende in Deutschland zu stärken und Angehörige in Entscheidungssituationen zu entlasten.
Doch sie greift zu kurz, wenn sie als alleinige Lösung verstanden wird.
Der entscheidende Engpass liegt nicht nur in der Frage der Zustimmung, sondern im System selbst – insbesondere in der Erkennung und Meldung potenzieller Organspender in den Krankenhäusern.
Fachliche Einschätzungen, Studien und auch politische Stellungnahmen weisen seit Jahren auf strukturelle und organisatorische Defizite hin. Dazu gehören unklare Abläufe, fehlende Zeit im Klinikalltag, unzureichende Einbindung von Transplantationsbeauftragten sowie Defizite in Schulung und Sensibilisierung des Personals.
Die Folge ist so einfach wie gravierend: Nicht alle potenziellen Organspender werden erkannt.
Damit geht ein entscheidender Teil möglicher Organspenden verloren – unabhängig davon, ob grundsätzlich eine Bereitschaft zur Organspende besteht.
Spektrum Dialyse fordert daher:
Die Einführung der Widerspruchslösung als Teil einer Gesamtstrategie – verbunden mit einer konsequenten Stärkung der Strukturen in den Krankenhäusern.
Dazu gehören:
- Verbindliche und einheitliche Abläufe zur Spendererkennung
- Klare Verantwortlichkeiten in Notaufnahmen und Intensivstationen
- Verbindliche Freistellung und stärkere Einbindung von Transplantationsbeauftragten
- Regelmäßige Schulungen und Sensibilisierung des medizinischen Personals
- Verbesserte Rahmenbedingungen für Gespräche mit Angehörigen
Organspende darf nicht davon abhängen, ob Strukturen im entscheidenden Moment zufällig funktionieren.
Der Organmangel ist seit Jahrzehnten bekannt. Bereits in den 1970er Jahren wurde auf die unzureichende Zahl an Spenderorganen hingewiesen. Trotz zahlreicher Reformen hat sich die Situation bis heute nicht grundlegend verbessert.
Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Praxis: Die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung ist grundsätzlich vorhanden – sie wird jedoch im System nicht immer in tatsächliche Organspenden umgesetzt.
Die Widerspruchslösung kann ein wichtiger Baustein sein. Sie ist aber kein Ersatz für funktionierende Abläufe. Was nützt die Bereitschaft zur Organspende, wenn potenzielle Spender nicht erkannt werden?
Was nützt ein Register, wenn es im entscheidenden Moment keine Rolle spielt? Und was nützt eine gesetzliche Änderung, wenn sie im Klinikalltag nicht ankommt?
Das Projekt „Steine für Organspende“ setzt bewusst bei den Menschen an und schafft Aufmerksamkeit für dieses Thema. Doch echte Veränderung entsteht erst dann, wenn gesellschaftliche Bereitschaft, politische Entscheidungen und funktionierende Strukturen im Gesundheitswesen zusammenwirken.
Erst dann entsteht aus jahrelanger Diskussion endlich konkrete Hilfe für die Menschen auf den Wartelisten.
Martin G. Müller
Spektrum Dialyse
(Die genannten Zahlen und historischen Bezüge basieren auf Veröffentlichungen aus Fachliteratur, Bundestagsdokumenten sowie Medienberichten. Eine detaillierte Quellenübersicht ist auf Anfrage erhältlich.)
Spektrum Dialyse ist ein kostenfreier, unabhängiger und privat betriebener Internetauftritt. Die Plattform setzt sich öffentlich in Medien, Medizin und Politik für die Belange von Menschen mit Nierenerkrankungen ein und bietet Informationen sowie Austausch zu den Themen Dialyse, Transplantation und Organspende. Das Motto lautet: „Gelebte Erfahrung und 49 Jahre Betroffenenkompetenz.“

Aus dem Projekt „Steine für Organspende