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Organspende

Städte, die Leben retten helfen

DIATRA-Redaktion

16. Juni 2026 · 6 Min. Lesezeit

Frankreich macht die Organspende an Ortseingängen sichtbar. Essen hat mit #RuhrEntscheidetSich eine Bewegung angestoßen, die heute bundesweit weiterläuft. Zwei Wege, eine Botschaft: Entscheide dich. Nicht für andere. Für Dich. Um am Ende für alle.
Manchmal reicht ein Schild.
Nicht, um ein Leben zu retten. Dafür braucht es Ärzt:innen, Pfleger, Angehörige, Vertrauen, ein funktionierendes System und im schwersten Moment eine Entscheidung.
Aber ein Schild kann etwas anderes. Es kann einen Gedanken setzen. Einen, der bleibt. Einen, der später vielleicht am Küchentisch wieder auftaucht.
In Frankreich steht dieser Gedanke inzwischen an vielen Ortseingängen. Mehr als 1.000 Kommunen nennen sich dort „Villes Ambassadrices du Don d’Organes“, also Botschafter-Städte der Organspende. Wer hineinfährt, sieht nicht nur den Stadtnamen, sondern auch die Erinnerung daran, dass Organspende kein Randthema ist.
Das ist keine große Geste. Kein Pathos, kein Zeigefinger. Vielleicht wirkt es gerade deshalb so gut.
Denn Organspende scheitert selten daran, dass Menschen das Thema unwichtig finden. Kaum jemand würde sagen: Es ist mir egal, ob andere auf ein Herz, eine Leber, eine Lunge oder eine Niere warten. Die meisten verstehen sehr genau, worum es geht. Und trotzdem wird die eigene Entscheidung oft vertagt.
Warum?
Weil man gesund ist.
Weil morgen auch noch Zeit zu sein scheint.
Weil kaum jemand beim Frühstück gern über das eigene Sterben oder über Organspende spricht.

Frankreich bringt die Frage auf die Straße

Die französische Initiative ist so naheliegend, dass man sich fragt, warum es so etwas nicht längst überall gibt. Städte machen sichtbar, dass sie über Organspende sprechen. Mit Schildern, Informationsaktionen, Angeboten in Schulen, Gedenkorten für Spenderinnen und Spender und ihre Familien. Auch rund um den nationalen Organspendetag ist das Thema präsent.
Entscheidend ist dabei nicht das Schild allein. Entscheidend ist, dass eine Stadt sagt: Dieses Thema gehört hierher. Nicht nur in Kliniken, Broschüren oder politische Reden. Sondern mitten in den Alltag.
An den Ortseingang. Ins Rathaus. In die Schule. Auf den Marktplatz.
Organspende wird dadurch nicht einfacher. Aber sie kommt ins Gespräch.
Und genau daran fehlt es oft.

Deutschland hat keinen französischen Zwilling. Aber eine eigene Spur.

Wer nach Frankreich schaut, sollte nicht so tun, als täte sich in Deutschland nichts.
In Essen startete mit #RuhrEntscheidetSich eine Kampagne, die sehr genau denselben Nerv trifft. Später wurde daraus #NRWEntscheidetSich, inzwischen läuft die Bewegung bundesweit unter #DeutschlandEntscheidetSich. Die Kampagne wurde initiiert von Dr. Ebru Yildiz, Leitung des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation (WZO) an der Universitätsmedizin Essen und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des DIATRA-Verlags. Das Thema Organspende ist ihr ein sehr wichtiges Herzensthema.
Der Unterschied zu Frankreich ist wichtig. Dort gibt es ein ausdrücklich kommunales Modell: Städte erklären sich zu Botschafterinnen der Organspende. In Deutschland ist #entscheidetsich bislang anders gewachsen. Nicht als Liste offizieller Botschafter-Städte, nicht mit einer sauber belegbaren Zahl teilnehmender Kommunen, sondern als Aufklärungsbewegung mit Partnern aus Medizin, Gesellschaft, Vereinen, Organisationen und auch Kommunen.
Für das Ruhrgebiet wurden rund 30 Partner entlang der Ruhr genannt. Darunter sind auch kommunale Partner wie Essen und Herne.
Zwar hat Deutschland noch kein Pendant zum französischen Städte-Netzwerk. Es hat aber längst eine Botschaft, die stark genug wäre, eines zu tragen.
Diese Botschaft lautet: „Es geht nicht darum, wie Du Dich entscheidest. Es geht darum, dass Du Dich entscheidest.“
Das ist ein guter Satz. Weil er nicht drückt. Weil er nicht moralisiert. Weil er nicht vorgibt, was richtig ist. Er legt die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört: in die Hände jedes Einzelnen.

Der Ausweis ist kein Ja-Schein

Noch immer glauben viele, ein Organspendeausweis sei automatisch ein Ja zur Organspende. Das stimmt nicht.
Der Ausweis ist ein Entscheidungsausweis. Man kann Ja sagen. Man kann Nein sagen. Man kann bestimmte Organe oder Gewebe ausschließen. Man kann auch festlegen, dass eine andere Person entscheiden soll. Das Organspende-Register funktioniert ebenfalls so.
Das klingt nach Detail. Ist aber zentral.
Denn wenn die eigene Entscheidung fehlt, werden im Ernstfall Angehörige gefragt. Menschen, die gerade einen Sohn, eine Mutter, einen Partner oder eine Schwester verlieren. Menschen, die kaum begreifen können, was geschehen ist. Und die plötzlich einschätzen sollen, was die verstorbene Person gewollt hätte.
Manchmal wissen sie es. Oft wissen sie es nicht.
Dann sitzt da nicht nur Trauer sondern auch Unsicherheit. Und Unsicherheit entscheidet selten mutig.

Eine Stadt ist näher als eine Kampagne

Gesundheitspolitik kann Gesetze ändern. Kliniken können Abläufe verbessern. Stiftungen können informieren. Alles wichtig.
Aber Städte haben etwas, das man nicht verordnen kann: Nähe.
Eine Stadt ist nicht abstrakt. Sie ist der Ort, an dem jemand zur Dialyse fährt. Der Ort, an dem eine Familie auf den Anruf wartet. Der Ort, an dem ein transplantierter Mensch wieder in die Schule geht, arbeitet, auf dem Spielplatz spielt, lebt. Der Ort, an dem Nachbarn, Schulfreund:innen und Vereinskolleg:innen merken, dass Organspende doch kein fernes Thema ist.
Wenn eine Kommune darüber spricht, klingt es anders als aus einer Bundesbehörde. Nicht automatisch besser. Aber näher.
Frankreich hat das verstanden. Essen und weitere Städte in Deutschland auch.
Die einen stellen Schilder auf. Die anderen stellen eine Frage in den Raum.
Beides kann wirken.

Organspende aus der Fachsprache holen

Dass die Kampagne in Essen startete, ist kein Zufall. Mit der Universitätsmedizin Essen und dem Westdeutschen Zentrum für Organtransplantation gibt es dort medizinische Expertise und gleichzeitig Nähe zu Betroffenen. Aus dieser Erfahrung heraus wurde #RuhrEntscheidetSich zu einer Kampagne, die Organspende nicht nur erklärt, sondern in eine einfache Frage übersetzt: Hast du dich entschieden?
#RuhrEntscheidetSich hat Organspende aus der sterilen Ecke geholt. Nicht als medizinische Fußnote. Nicht als Thema für Fachkongresse. Sondern als Frage, die jeder Mensch beantworten kann und irgendwann beantworten sollte.
Daraus ist eine bundesweite Kampagne geworden. Offenbar stimmt die Sprache. Offenbar trifft sie einen Nerv. Und offenbar gibt es eine Lücke.

Warum nicht auch deutsche Botschafter-Städte?

Man muss das französische Modell nicht kopieren. Aber man kann von ihm lernen.
Warum sollten deutsche Städte nicht sichtbar sagen: Wir sprechen über Organspende. Wir helfen Bürgerinnen und Bürgern, sich zu informieren. Wir erinnern daran, die eigene Entscheidung festzuhalten. Und wir nehmen Angehörige ernst, bevor sie in die schwerste Situation geraten.
Das wäre keine Kampagne für ein Ja.
Es wäre eine Kampagne gegen das Wegschieben.
Bürgerämter könnten informieren. Schulen könnten Gespräche öffnen. Kliniken und Patienteninitiativen könnten berichten. Stadtfeste könnten Raum bieten. Rathäuser könnten Ausweise auslegen. Lokale Medien könnten Geschichten erzählen.
Und vielleicht könnten auch deutsche Ortseingänge irgendwann mehr sagen als nur: Willkommen.
Vielleicht könnten sie sagen:
Hier wird über Organ- und Gewebespende entschieden.
Nicht für andere. Sondern rechtzeitig für sich selbst.

Patin oder Pate von #DeutschlandEntscheidetSich werden

Kommunen, Städte und Institutionen, die das Thema Organspende sichtbar machen und die Kampagne #DeutschlandEntscheidetSich unterstützen möchten, können über die Kampagnenseite Kontakt aufnehmen oder sich an info@ruhrentscheidetsich.de wenden.
Die von Dr. Ebru Yildiz initiierte Kampagne lebt davon, dass viele Orte dieselbe einfache Botschaft weitertragen:
Es geht nicht darum, wie Du Dich entscheidest. Es geht darum, dass Du Dich entscheidest.