Vertretende von Patientenselbsthilfen, Transplantationsmedizin, Fachgesellschaften und Politik haben bei einem digitalen Netzwerktreffen des gemeinnützigen DIATRA-Verlags am 22. Juni 2026 die Einführung der Widerspruchsregelung (WSR) und der Organspende nach Kreislauftod (Donation after Circulatory Death, DCD) als wichtige Schritte zur Verbesserung der Organspende in Deutschland bekräftigt.
Vor dem Hintergrund der anstehenden Orientierungsdebatte im Bundestag zur Widerspruchsregelung berichtete Christian Schmidt, Büroleiter des Bundestagsabgeordneten Dr. Armin Grau (Mitglied des Gesundheitsausschusses), über die wachsende parteiübergreifende Unterstützung für einen entsprechenden Gesetzentwurf. Alexander Brick, Vorstandsmitglied vom Bundesverband Lebertransplantierte Deutschland e.V. und Patientenvertreter bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) betonte in diesem Kontext die Bedeutung persönlicher Gespräche mit Abgeordneten, um die Folgen des Organmangels für Betroffene sichtbar zu machen.
Stärkung der Selbstbestimmung durch die WSR und die DCD
Ein zentraler Schwerpunkt des Treffens war die Vorstellung des neuen
Positionspapiers „Widerspruch und DCD – ein ethischer Imperativ“ durch Prof. Dr. Bernhard Banas, Vorsitzender der Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG). Das von Expert:innen aus Transplantationsmedizin und Medizinethik der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), der Deutschen Akademie für Transplantationsmedizin (DAT) und mehreren Universitätskliniken erarbeitete Papier fordert die Einführung der Widerspruchsregelung und der DCD in der Organspende.
Nach Einschätzung der Autor:innen stärkt die Widerspruchsregelung die Selbstbestimmung, da ein Widerspruch jederzeit möglich bleibt, während zugleich ein potenzieller Spenderwille nicht länger an fehlender Dokumentation scheitert. Darüber hinaus würden Angehörige in hochbelastenden Entscheidungssituationen entlastet.
Das Positionspapier spricht sich zudem für eine sachliche Diskussion der Organspende nach Kreislauftod aus. DCD ist in zahlreichen europäischen Ländern etabliert und ergänzt dort die bestehenden Möglichkeiten der Organspende.
Offizielle Statistiken und unsichtbare Betroffene
Die Teilnehmenden wiesen darauf hin, dass seit Jahren sinkende Zahlen bei den Wartelisten auf ein Organ nicht zwangsläufig eine Verbesserung der Versorgung bedeuten. Viele schwer kranke Menschen würden aufgrund ihres Gesundheitszustands gar nicht erst gelistet oder verlören während langer Wartezeiten ihre Transplantationsfähigkeit. Auf eine Niere wartet man in Deutschland im Durchschnitt 10 Jahre und länger, weswegen die Mediziner:innen den Betroffenen oft keine falschen Hoffnungen machen möchten. Transplantabel wären mindestens 30 Prozent der Menschen an der Dialyse in Deutschland, so Banas. Auf der Warteliste für eine Spenderniere stehen lediglich 5.963 Menschen (Stand: 31. Mai 2026).
Verfassungsbeschwerde des Bündnisses ProTransplant
Darüber hinaus informierte Zazie Knepper vom Bündnis ProTransplant über die Vorbereitung einer Verfassungsbeschwerde. Der Staat sei verpflichtet, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen die Zahl der Spenderorgane erhöht wird. Mit der Klage soll geprüft werden, inwieweit er seine Schutzpflicht verletzt und damit gegen das Grundgesetz verstößt, da sich alle bisherigen Maßnahmen gegen den Organmangel als unzureichend erwiesen haben.
Die Teilnehmenden waren sich einig, dass die aktuelle politische Diskussion eine wichtige Chance bietet, die Organspende in Deutschland nachhaltig zu stärken. Mit dem neuen Positionspapier der DTG und der DAT liegt erstmals eine gemeinsame ethische Argumentationsgrundlage aus Transplantationsmedizin und Medizinethik für die Einführung von Widerspruchsregelung und DCD vor.
Der gemeinnützige DIATRA-Verlag
1991 gegründet, berichtet der gemeinnützige DIATRA-Verlag seit über 30 Jahren interdisziplinär aus den medizinischen Gebieten der Nephrologie, Transplantation und Diabetologie und macht sich für die Organ- und Gewebespende stark. Er spricht dabei Betroffene wie auch ärztliches und pflegerisches Fachpersonal an, um alle Akteure auf Augenhöhe zu bringen und so deren Zusammenarbeit und letztlich die Lebensqualität chronisch kranker Menschen zu verbessern.
Kontakt:
Agata Stark
DIATRA-Verlag gGmbH, gemeinnütziger medizinischer Fachverlag
Kaiser-Wilhelm-Ring 78
55118 Mainz
www.diatra.de
Downloads