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Nephrologie

Chronische Nierenerkrankung: Erkennen, bevor es zu spät ist

DIATRA-Redaktion

8. Juli 2026 · 4 Min. Lesezeit

Die European Renal Association (ERA) macht mit einer aktuellen Infografik und einem begleitenden Video auf die wachsende Bedeutung der chronischen Nierenerkrankung aufmerksam. International wird diese auch als CKD (Chronic Kidney Disease) bezeichnet. Nach Angaben der ERA leben weltweit mehr als 850 Millionen Menschen mit einer chronischen Nierenerkrankung – 1990 waren es nur halb so viele Fälle. Heute werden jährlich rund 1,5 Millionen Todesfälle mit der Diagnose CKD in Verbindung gebracht. Laut der ERA stirbt weltweit alle 20 Sekunden ein Mensch an den Folgen einer chronischen Nierenerkrankung.
Zum Hintergrund: Nach der Definition der internationalen KDIGO-Leitlinie liegt eine chronische Nierenerkrankung vor, wenn über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten Veränderungen der Nierenstruktur oder der Nierenfunktion bestehen. Beispiele hierfür sind eine eingeschränkte Filterleistung der Nieren oder Hinweise auf eine Schädigung der Nieren, etwa in Form von Eiweiß im Urin.

Eine Erkrankung mit wachsender Bedeutung

Laut ERA leben in Europa mehr als 93 Millionen Erwachsene mit einer chronischen Nierenerkrankung. Für das Jahr 2023 werden rund 210.000 Todesfälle genannt, was einem Todesfall alle zweieinhalb Minuten entspricht. Zudem nimmt die Bedeutung der CKD weiter zu. Bis 2050 wird sie weltweit die fünfthäufigste und in Europa sogar die dritthäufigste Todesursache sein.
Diese Entwicklung hängt sehr eng mit alternden Bevölkerungen und der Zunahme von Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck und Adipositas zusammen. CKD ist also kein rein nephrologisches Thema. Sie betrifft zentrale Bereiche der Gesundheitsversorgung, d. h., Hausarztmedizin, Diabetologie, Kardiologie und Nephrologie müssen hier eng zusammenarbeiten.
Ein zentrales Problem ist die späte Erkennung, was auch daran liegt, dass eine chronische Nierenerkrankung in frühen Stadien meist keine eindeutigen Beschwerden verursacht. So fühlen sich Betroffene oft über viele Jahre hinweg gesund, obwohl ihre Nieren bereits geschädigt sind. Laut der ERA bleiben etwa 30 Prozent der Fälle unerkannt.
Besonders gefährdet sind Menschen mit Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas. Diese Erkrankungen können die Nieren belasten und schädigen. Umgekehrt erhöht eine eingeschränkte Nierenfunktion wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Nierengesundheit sollte deshalb nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil einer kardiovaskulär-renalen-metabolischen Versorgung.

Zwei Werte sind besonders wichtig

Für die Früherkennung sind zwei Werte besonders wichtig: die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) und die Bestimmung von Albumin im Urin. Die eGFR zeigt, wie gut die Nieren das Blut filtern. Albumin im Urin kann ein frühes Zeichen einer Nierenschädigung sein, selbst wenn die Nierenfunktion im Bluttest noch unauffällig erscheint.
Gerade die Albuminurie-Testung wird nach Angaben der ERA in manchen Risikogruppen viel zu selten durchgeführt – in einigen Gruppen erfolgen entsprechende Tests nur bei bis zu vier Prozent der Betroffenen. Dabei können rechtzeitige Maßnahmen bei erhöhter Albuminurie den Verlauf der Erkrankung deutlich beeinflussen und die Notwendigkeit einer Dialyse unter Umständen um viele Jahre verzögern.

Der ABCDE-Ansatz: Risiken einfacher erfassen

Um Risiken frühzeitig zu erkennen, empfiehlt die ERA den sogenannten ABCDE-Ansatz. Er steht für Albuminurie, Blutdruck, Cholesterin, Diabetes und eGFR-Status. Diese fünf Werte helfen, das persönliche Risiko für Nieren- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen besser einzuschätzen.
Der Ansatz ist besonders deshalb sinnvoll, weil er niedrigschwellig in die Routineversorgung integriert werden kann, in der Hausarztpraxis, in der Diabetologie oder Kardiologie. Denn: Wer Risikofaktoren früh erkennt, kann früher behandeln, beispielsweise durch Blutdruckkontrolle, eine bessere Blutzuckereinstellung, Anpassung der Medikation, Lebensstiländerungen und eine frühzeitige nephrologische Mitbetreuung.

Ungleichheiten beim Versorgungszugang 

Ein weiteres Problem ist der ungleiche Zugang zu Diagnostik und Behandlung. In Europa kann sich die Häufigkeit von Nierenersatztherapien wie Dialyse oder Transplantation um ein Vielfaches unterscheiden, so die ERA. Auch das Verhältnis von Transplantationen zu Dialysebehandlungen variiert stark. Ein eingeschränkter Zugang zu Diagnostik, Dialyse oder Transplantation kann zu vermeidbaren Todesfällen beitragen.
Medizinischer Fortschritt allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, dass Tests verfügbar sind, entsprechend erstattet werden und tatsächlich bei den Menschen vorgenommen werden (können), die ein erhöhtes Risiko tragen. Auch erfordert es eine rechtzeitige Überweisung in die nephrologische Versorgung, bevor die Erkrankung (zu) weit fortgeschritten ist.

Nierengesundheit braucht mehr Aufmerksamkeit

Chronische Nierenerkrankungen sind weit verbreitet, sind folgenschwer und oft lange unsichtbar bzw. unerkannt. Genau deshalb sollten sie früher in den Blick geraten, und zwar nicht erst bei eingetretener Dialysepflicht. Für Menschen mit erhöhtem Risiko bedeutet das, ihre Nierenwerte regelmäßig kontrollieren zu lassen, das Albumin im Urin bestimmen zu lassen, ihren Blutdruck und Blutzucker gut einzustellen und auffällige Befunde ernst zu nehmen.
Für das Gesundheitssystem bedeutet es: Früherkennung stärken, Albuminurie-Tests konsequenter einsetzen, Versorgungsunterschiede abbauen und die Zusammenarbeit zwischen Hausarztpraxen, Diabetologie, Kardiologie und Nephrologie verbessern.
Infoblatt der ERA: Chronische Nierenerkrankung - Eine wachsende globale und europäische Gesundheitsherausforderung (Übersetzung: DIATRA)
Infoblatt der ERA: Chronische Nierenerkrankung - Eine wachsende globale und europäische Gesundheitsherausforderung (Übersetzung: DIATRA)

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