Keine Ergebnisse

Editorial

Gesundheit ist kein Kostenfaktor

DIATRA-Redaktion

9. Sept. 2026 · 3 Min. Lesezeit

DIATRA 3-2026
Schon einmal den Satz aus der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung gehört? „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.“ Der Umgang mit diesem Grundsatz in jedem Land, und ganz aktuell in Deutschland, stellt uns vor folgende Fragen:
Wie gehen wir mit Menschen um, wenn sie krank, verletzlich oder auf die Hilfe anderer angewiesen sind – und welche Rolle dürfen dabei wirtschaftliche Interessen spielen?
Seit 35 Jahren trägt DIATRA seinen Teil dazu bei, indem wir Betroffenen, Angehörigen und Behandelnden eine Stimme geben. Deshalb wird ein Teil dieser Ausgabe kostenfrei an alle 630 Abgeordneten des Deutschen Bundestages verteilt. Wir möchten den Abgeordneten damit einen Einblick in die Lebensrealität der Menschen geben, um die es in der Gesundheits- und Sozialpolitik wirklich geht.
Der bevorstehende Wahlherbst wird ein harter Prüfstein für unsere Demokratie. Komplexe Themen werden zugespitzt, verkürzt und politisch vereinnahmt. Was Worte in der Lebensrealität der Menschen auslösen, wird dabei nicht immer bedacht.
Da fallen beispielsweise Sätze wie „Wir geben über 500 Milliarden Euro für unser Gesundheitssystem aus.“ Das klingt zunächst sachlich, lässt die Ausgaben aber auch wie eine Belastung oder gar Verschwendung erscheinen. Besser wäre die Formulierung: „Wir geben über 500 Milliarden Euro für unsere Mitmenschen aus.“ Das ist eine Investition! Eine Investition mit dem Ziel, dass Menschen gesund bleiben, wieder gesund werden oder trotz einer chronischen Erkrankung möglichst selbstbestimmt leben können.
Natürlich ist nicht jeder Kostenfaktor automatisch sinnvoll. Bevor wir jedoch über Kosten und Einsparungen sprechen, sollten wir uns daran erinnern, worum es geht: um Betroffene, die auf Behandlung, Pflege, Medikamente oder ein Spenderorgan angewiesen sind, und nicht zuletzt um Angehörige und Beschäftigte, die unser Gesundheitswesen tragen.
Unser Gesundheitssystem ist nicht mit seinem dafür vorgesehenen Budget gleichzusetzen. Es ist aber ein Spiegelbild davon, wie unsere Gesellschaft mit Minderheiten, Krankheit, Alter, Behinderung und Tod umgeht. Wer krank ist, hat nicht weniger Anspruch auf Würde, Respekt und Solidarität als jemand, der gesund und leistungsfähig ist.
Auch wirtschaftlich gesehen sind Investitionen in die Gesundheit langfristig sinnvoll. Sie erhalten Lebensqualität, Selbstständigkeit und Teilhabe, entlasten Angehörige und ermöglichen es vielen Menschen, länger am Arbeitsleben teilzunehmen, soweit es ihnen möglich ist. Das ist ein Gewinn für die Betroffenen und langfristig auch für die Wirtschaft.
Das gilt auch für die Organ- und Gewebespende. Ein Spenderorgan ist kein Ersatzteil und ein Mensch auf der Warteliste ist kein Kostenfaktor. Hinter jeder Zahl stehen Hoffnungen, Ängste und Lebenspläne – also reale Menschen, keine bloßen Kennzahlen.
Politik muss mit begrenzten Mitteln umgehen. Sie darf Menschen dabei aber nie nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewerten. Demokratische Verantwortung bedeutet, Menschen nicht nur als Gegenstand politischer Debatten zu betrachten, sondern ihre Lebensrealität ernst zu nehmen.
Wir wünschen Ihnen und Euch eine gute Lektüre der DIATRA 3-2026.
Herzlichst
Euer/Ihr DIATRA-Verlag