Keine Ergebnisse

Kommentar, 
Gesundheitspolitik

Tote Pferde und die WSR-Debatte im Bundestag

Ein Kommentar von Heiko Burrack

Heiko Burrack

30. Sept. 2026 · 4 Min. Lesezeit

Wenn in Deutschland, Europa aber auch weltweit auf einmal ganz viele Menschen ums Leben kommen, sind die Reaktionen darauf prompt. Mit Katastrophen dieser Art meine ich Flugzeugabstürze, Fähruntergänge, Hochhausbrände oder Brückeneinstürze. Sicherungsmaßnahmen werden massiv verschärft, damit so etwas nicht noch einmal geschieht. Was auch immer passiert: Wenn das Leben vieler Menschen betroffen ist, reagieren Politik und Verwaltung sehr schnell. Beim Thema Organspende und Transplantation kommen sehr viele Menschen ums Leben. Schätzungen gehen von mehr als 1.000 Toten in Deutschland pro Jahr aus. Die Politik wird aktiv, aber die Zahlen der Transplantierten stagnieren. Es wird eben nicht besser – und das seit Jahrzehnten.

Wie der Bundestag versucht, tote Pferde zu reiten.  

Anschaulich konnte man dies bei der letzten Bundestagssitzung zum Thema Widerspruchslösung erleben. Sie fand am vergangenen Donnerstag statt. Aus meiner Sicht gab es keine neuen Argumente, und die Diskussion drehte sich, wie schon so oft, im Kreise. Natürlich ist die Widerspruchslösung nicht das Allheilmittel . Aber ich bin der Überzeugung, dass wir sie benötigen, um die Kultur der Organspende auch in den Krankenhäusern voranzubringen. Wie viele Menschen müssen eigentlich noch sterben, bevor wir Wege gehen, die schon in fast ganz Europa selbstverständlich sind? Kennen Sie die Idee, ein totes Pferd weiterreiten zu wollen? Hier mal ein paar Beispiele (die Liste ist lang):
  1. Wir besorgen eine stärkere Peitsche.
  2. Wir wechseln die Reiter.
  3. Wir behaupten: „So haben wir das Pferd schon immer geritten.“
  4. Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
  5. Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
  6. Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
  7. Wir bilden eine Task Force, um das tote Pferd wiederzubeleben.
  8. Wir schieben eine Trainingseinheit ein, um besser reiten zu lernen.
  9. Wir stellen Vergleiche unterschiedlicher toter Pferde an.
  10. Wir ändern die Kriterien, die besagen, ob ein Pferd tot ist.

Warum Schweigen im hiesigen Recht oft als Zustimmung gewertet wird.

Wir haben kein Erkenntnisproblem. Wir wissen, wie unsere Nachbarstaaten zu deutlich besseren Ergebnissen kommen. Wir müssen es nur wollen und umsetzen. Die Widerspruchslösung ist ein Baustein. Genau deswegen kann ich auch den Bundestagsabgeordneten, egal ob männlich, weiblich oder divers, nicht glauben, die alle behaupten, primär den Wartepatienten helfen zu wollen. Es mag sein, dass dies vordergründig so ist. Wenn dann das große Aber kommt, nämlich mit der Forderung nach einer aktiven Entscheidung zu Lebzeiten, damit Organe transplantiert werden dürfen, so scheint die Idee, Leben retten zu wollen, zweitrangig zu werden. Aber ist Schweigen im deutschen Recht denn so unbekannt? Ich sage, es ist mitnichten so. Nutzen Sie digitale Dienste? Wenn sich dort die AGBs ändern, werden Sie darüber per Mail informiert. Wenn Sie schweigen, treten diese in Kraft. Laden Sie sich den Kontoauszug des letzten Monats herunter, müssen Sie aktiv widersprechen, wenn Sie diesen anfechten wollen. Selbst beim Erbrecht ist es notwendig, einen Widerspruch einzulegen, wenn man ein Erbe nicht antreten will. Schweigen wird als Zustimmung gewertet, heute und hierzulande.

Warum wir über die Spende nach Herz-Kreislauf-Stillstand reden müssen.

Man kann sich auch wie Herr Bodo Ramelow (MdB und früherer Ministerpräsident Thüringens) in Selbstzufriedenheit baden und die tolle Diskussion im Bundestag zur Widerspruchslösung loben. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass dieser schon x-mal besprochene Ansatz schon lange nicht mehr state of the art ist. In vielen anderen Ländern hat man den Pool der Organspender erfolgreich erweitert, indem man auch Transplantationen nach dem Herzstillstand ermöglicht. In der Debatte im Bundestag wurde diese Option von Rednern und Rednerinnen so gut wie nie erwähnt. Wenn sie genannt wurde, stempelte man sie als inakzeptabel ab. Wir sollten aber darüber diskutieren, eben weil sie in anderen Ländern der Gamechanger war. Nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Medizin und in diesem Fall bei der Organspende sind wir abgeschlagen. Ändern wir dies.
Über den Autor: Heiko Burrack (Jahrgang 1967) ist wieder Wartepatient auf eine Niere, nachdem er mit diesem Organ erfolgreich transplantiert wurde. Kontakt gerne per Mail: heiko@burrack.de