NAKO-Studie zeigt möglichen Klärungsbedarf bei der Früherkennung von Nierenerkrankungen
DIATRA-Redaktion
30. Juni 2026 · 4 Min. Lesezeit
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In der Regel entwickeln sich chronische Nierenerkrankungen schleichend, dies vor allem, weil die sich Beschwerden erst dann bemerkbar machen, wenn die Nierenfunktion bereits deutlich eingeschränkt ist. Daher sind Blut- und Urinuntersuchungen so wichtig, um Veränderungen früh sichtbar machen können. Eine aktuelle Analyse der NAKO Gesundheitsstudie hat nun offengelegt, dass genau hier ein nicht kleines Problem besteht: Viele Menschen haben auffällige Nierenwerte, wissen aber offenbar nichts von einer möglichen Erkrankung.
In einer Teilgruppe mit Urinuntersuchungen wurden bei 6.213 von 35.461 Teilnehmenden Hinweise auf eine eingeschränkte Nierenfunktion oder eine Nierenschädigung gefunden. Das sind 17,5 Prozent, also etwa jede sechste Person war betroffen. Lediglich knapp vier Prozent von ihnen berichtete, dass bei ihnen eine entsprechende Diagnose bekannt sei.
Auch die Auswertung von Blutwerten zeigt ein ähnliches Bild: Bei etwa 5.000 von rund 195.000 Teilnehmenden fanden sich Hinweise auf eine eingeschränkte Nierenfunktion. Allerdings nur 875 von ihnen gaben an, eine ärztlich bekannte Nierenerkrankung zu haben.
Zwei Untersuchungen, die unterschiedliche Fragen beantworten
Für die Analyse wurden zwei zentrale Marker der Nierengesundheit betrachtet: die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) und die Albuminurie.
Die eGFR beschreibt, wie gut die Nieren das Blut filtern. Eine Albuminurie zeigt an, ob Eiweiß über den Urin verloren geht, was ein mögliches frühes Zeichen für eine Schädigung der Nierenfilter sein kann. Beide Untersuchungen erfassen unterschiedliche Aspekte. Gemeinsam liefern sie ein aussagekräftigeres Bild.
Die Studie zeigt nicht nur, dass einzelne Laborwerte auffällig sein können. Sie macht sichtbar, dass die Nierengesundheit nicht allein über einen Blutwert beurteilt werden sollte: Urin- und Blutuntersuchungen ergänzen sich.
Auffällig heißt nicht automatisch krank
Auch wenn die Ergebnisse auffällig sind – man sollte jetzt nicht vorschnell dramatisieren: Ein auffälliger Einzelwert ist noch keine Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung.
Die NAKO-Analyse ist eine Querschnittsuntersuchung, d.h. die Werte wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt erhoben, ohne dass in dieser Auswertung Wiederholungsmessungen vorlagen. Für die Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung müssen Auffälligkeiten in der Regel bestätigt und über einen längeren Zeitraum eingeordnet werden.
Die Studie sagt also nicht, dass jede sechste untersuchte Person tatsächlich an einer chronischen Nierenerkrankung leidet. Sie zeigt jedoch, dass bei vielen Menschen Hinweise vorliegen, die weiter abgeklärt werden sollten.
Entscheidend ist, was nach dem Laborwert passiert
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Wird ausreichend untersucht? Sondern auch: Wie wird auf auffällige Befunde reagiert?
Möglicherweise werden die Werte nicht immer konsequent genug kontrolliert, Folgeuntersuchungen finden nicht statt oder die Bedeutung eines Befundes wird nicht verständlich vermittelt. Auch kann es sein, dass Menschen zwar über Veränderungen informiert wurden, diese aber nicht als Nierenerkrankung wahrgenommen haben.
Für Betroffene ist das mehr als eine Frage der Dokumentation. Eine früh erkannte Nierenerkrankung eröffnet die Möglichkeit, Ursachen gezielt zu behandeln und das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen. Gerade bei Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck sollte die Nierengesundheit deshalb regelmäßig mitgedacht werden.
Ein auffälliger Wert sollte nicht verängstigen. Er sollte aber Anlass sein, nachzufragen: Muss die Untersuchung wiederholt werden? Wurde sowohl die Filterleistung der Niere als auch der Urin auf Eiweiß untersucht? Gibt es Medikamente, Vorerkrankungen oder andere Faktoren, die bei der Einordnung berücksichtigt werden müssen?
Früherkennung ist keine Nebensache
Nierenerkrankungen betreffen nicht nur die Nieren. Mit einer eingeschränkten Nierenfunktion steigen häufig auch die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wird eine Erkrankung erst spät erkannt, bleiben wichtige Chancen für Prävention und Therapie ungenutzt.
Es geht nicht darum, möglichst viele Menschen mit einer Diagnose zu versehen, sondern um eine zuverlässige Einordnung auffälliger Befunde: Wer tatsächlich keine chronische Nierenerkrankung hat, sollte nach einer Kontrolle Klarheit bekommen. Wer betroffen ist, sollte dies rechtzeitig erfahren und eine passende Behandlung erhalten.
DIATRA ordnet ein
Die NAKO-Analyse ist kein Beleg dafür, dass jede sechste Person in Deutschland unerkannt nierenkrank ist. Dafür reichen einzelne Messungen nicht aus. Sie ist aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass zwischen Laborbefund, ärztlicher Abklärung und dem Wissen der Betroffenen eine Lücke bestehen kann.
Diese Lücke lässt sich nicht allein durch mehr Tests schließen. Entscheidend sind klare Abläufe: auffällige Werte erkennen, sinnvoll wiederholen, Ursachen abklären und Ergebnisse verständlich kommunizieren. Besonders bei Menschen mit bekannten Risikofaktoren sollte die Nierengesundheit dabei nicht im Hintergrund bleiben.
Die Studie erinnert damit an etwas Grundsätzliches: Früherkennung beginnt nicht mit dem Laborzettel. Sie beginnt erst dann wirklich, wenn ein Befund verstanden, überprüft und in eine konkrete nächste Handlung übersetzt wird.
Referenz
Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO). Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. 2024. doi: 10.1016/j.kint.2023.10.018
Mit Material der NAKO Gesundheitsstudie
Publikationen
Glomerular Filtration Rate, Albuminuria, and Reported Kidney Disease in Comparison: Results From the German National Cohort (NAKO)