Gesundheitspolitik
Kommentar

Krankheitstage: Unter falschem Verdacht

Dennis M Stamm

16. März 2026 · 5 Min. Lesezeit

Friedrich Merz und Nina Warken haben aus dem Krankenstand eine Misstrauensdebatte gemacht. Ein epidemisches Phänomen unserer Zeit: schnelle, eingängige Behauptungen, die nur bedingt der Wahrheit entsprechen. Die Wahrheit: Was Warken und Merz behaupten, wird weder der Datenlage noch den Menschen gerecht, die tatsächlich krank sind.
Wenn man über den Krankenstand in Deutschland spricht, sollte besser mit Zahlen beginnen und nicht mit Verdächtigungen. Aber genau das ist in den vergangenen Wochen zu oft nicht geschehen. Rückblick: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte im Januar, die Zahl der Krankentage sei zu hoch, und stellte dabei ausdrücklich die telefonische Krankschreibung infrage. Nina Warken (CDU) kündigte anschließend an, die Regelung überprüfen zu wollen. So entstand rasch das vertraute Bild: zu viele Fehlzeiten, zu lockere Regeln, womöglich zu viel Missbrauch. Für diese Zuspitzung ist die empirische Grundlage bislang jedoch erstaunlich schmal. Nach Angaben aus dem kassenärztlichen Bereich entfallen bundesweit nur 0,9 Prozent aller Krankschreibungen auf telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Wer ausgerechnet darin einen wesentlichen Treiber des hohen Krankenstands erkennen will, muss mehr vorlegen als eine unbelegte Behauptung.

Der Blick auf die Zahlen

Noch unbequemer wird es für die politische Erzählung beim Blick auf den internationalen Vergleich. Eine Auswertung auf Basis harmonisierter OECD-Daten kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland bei den Fehlzeiten unter 25 untersuchten Ländern nur auf Rang sieben liegt.
Krankenstand in Europa im Vergleich (Bildrechte: ifb; Foto: DataPulse Research)
Krankenstand in Europa im Vergleich (Bildrechte: ifb; Foto: DataPulse Research)
Deutschland liegt demnach über dem Durchschnitt, ist aber gerade kein extremer Sonderfall. Auch zeigt die Auswertung keinen belastbaren Hinweis darauf, dass weniger Lohnfortzahlung, Karenztage oder strengere Sanktionen automatisch zu weniger Fehlzeiten führen. Wer also aus hohen Krankenständen reflexhaft auf lasche Regeln schließt, behauptet mehr, als die Daten überhaupt hergeben.
Hinzu kommt ein statistischer Punkt, der in der politischen Debatte fast systematisch unterschlagen wird. Destatis weist selbst darauf hin, dass der Anstieg der krank gemeldeten Arbeitstage gegenüber 2021 auch mit der seit dem 1. Januar 2022 geltenden elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zusammenhängen dürfte. Seitdem werden vor allem kurze Fehlzeiten vollständiger erfasst. Für 2024 nennt Destatis durchschnittlich 14,8 krank gemeldete Arbeitstage je Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer (Destatis). Höhere Zahlen bedeuten also nicht automatisch, dass Beschäftigte plötzlich häufiger „blau machen“. Wir nehmen mal an, dass auch bedeuten könnte, dass das System schlichtweg genauer zählt.
Auch eine heute veröffentlichte Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) stützt diesen Befund. Demnach waren AOK-versicherte Beschäftigte im Jahr 2025 im Durchschnitt 23,3 Tage krankheitsbedingt arbeitsunfähig (AU) – ein bisschen weniger als 2024 mit 23,9 Tagen. Zugleich kommt das WIdO zu dem Schluss, dass das seit 2022 hohe Fehlzeiten-Niveau in erster Linie ein statistischer Effekt der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist, weil kurze Erkrankungen seitdem vollständiger erfasst werden. Besonders aufschlussreich ist zudem: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen machen zwar nur 3,3 Prozent der AU-Fälle aus, verursachen aber über 40 Prozent der AU-Tage; psychische Erkrankungen sind dabei mit durchschnittlich 28,5 Arbeitsunfähigkeitstagen je Fall die Diagnosegruppe mit den längsten Ausfallzeiten (AOK/WIdO).

Wer in dieser Debatte übersehen wird

Diese Debatte zielt an den Menschen vorbei, um die es eigentlich gehen müsste. Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet für Deutschland im Jahr 2024 53,7 Prozent der Erwachsenen mit einer chronische Erkrankung oder einem lang andauernden Gesundheitsproblem (RKI). Wer in einer alternden Gesellschaft mit solchen Zahlen den Krankenstand fast nur noch als Kontrollfrage diskutiert, setzt den falschen Akzent.
Liebe Politik, merkst Du, dass hinter Fehlzeiten eben nicht bloß Erkältungen oder bequeme Ausreden stehen, sondern oft reale, anhaltende Belastungen? Rückenschmerzen, psychische Erkrankungen, Erschöpfung, chronische Leiden. Auch die Krankenkassenberichte weisen in diese Richtung. Die DAK berichtet für 2024, dass Atemwegserkrankungen, Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und psychische Erkrankungen zusammen 54,6 Prozent aller Fehltage ausmachen (DAK). Psychische Erkrankungen allein verursachten dort 17,4 Prozent des Krankenstandes. Die Techniker Krankenkasse meldete Anfang 2026 zudem für 2025 durchschnittlich 3,81 Krankheitstage je Erwerbsperson wegen psychischer Diagnosen (TK).

Misstrauen als politische Geste

Gerade deshalb schmeckt diese Debatte so bitter. Wer Krankmeldungen vor allem unter dem Gesichtspunkt des möglichen Missbrauchs diskutiert, trifft nicht zuerst die wenigen, die Regeln womöglich ausnutzen. Er trifft zuerst die vielen, die ohnehin mit gesundheitlichen Einschränkungen arbeiten und sich im Alltag bereits genug erklären müssen. Für chronisch kranke Menschen, für Beschäftigte mit wiederkehrenden psychischen Belastungen, für Menschen mit Schmerzen oder Erschöpfung kann eine solche Debatte schnell den Unterton bekommen, sie stünden unter Generalverdacht – vielleicht sind sie gar Simulanten, die sich auf den Taschen unserer Gesellschaft ausruhen. Das wäre schwer erträglich.
Inzwischen ist die politische Linie etwas leiser geworden. Ende Februar berichtete das „Deutsche Ärzteblatt“, Warken plane aktuell keine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Es wirkt fast wie ein verstecktes Eingeständnis, dass die faktenbasierten Zahlen doch gegen die Behauptungen politischer Alarmisten Bestand haben. Das lässt hoffen.

Eine Debatte am eigentlichen Problem vorbei

Zwischen der Feststellung, dass Missbrauch möglich ist, und der Behauptung, er erkläre den hohen Krankenstand in Deutschland, liegt ein riesiger Unterschied. Warum diese Debatte von Anfang an fehlerhaft war: Sie macht aus einem komplexen gesundheitlichen und arbeitsweltlichen Befund eine moralische Geschichte über mangelnde Disziplin.
Der Krankenstand ist ein ernstes Thema. Er verdient Analyse, nicht Verdacht und auch kein bundeskanzlerisches Bauchgefühl. Wer in einer Gesellschaft, in der mehr als jede zweite erwachsene Person mit einer chronischen oder länger andauernden gesundheitlichen Belastung lebt, zuerst auf Unterstellungen setzt, zeigt vor allem eines: wie schnell in Deutschland aus Sozialpolitik eine Misstrauensdebatte wird.