In Deutschland warten tausende Menschen viel zu lange auf ein Spenderorgan. Für viele von ihnen entscheidet die lange Wartezeit darüber, ob eine Transplantation noch möglich sein wird. Gleichzeitig bleiben Möglichkeiten zur Organspende ungenutzt, die in anderen europäischen Ländern seit Jahren etabliert sind. Der Film „Organspende. Was fehlt.“ des Deutschen Herzzentrums der Charité widmet sich einer solchen Möglichkeit: der Organspende nach Kreislauftod (Donation after Circulatory Death - DCD).
In Deutschland ist eine Organentnahme zur Transplantation bislang nur nach der Feststellung des irreversiblen Ausfalls aller Hirnfunktionen zulässig. Menschen, bei denen eine weitere intensivmedizinische Behandlung nicht mehr ihrem Willen entspricht und deshalb beendet wird, können nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand derzeit keine Organe spenden. Dies gilt auch dann, wenn sie sich zu Lebzeiten ausdrücklich für eine Organspende ausgesprochen haben.
Der Film zeigt anhand persönlicher Erfahrungen aus der Praxis, welche Auswirkungen diese Regelung haben kann. Angehörige berichten von einem nicht erfüllten Wunsch zur Organspende. Menschen auf Wartelisten schildern, was der Organmangel für ihr Leben bedeutet. Außerdem erklären Ärzt:innen, weshalb DCD in vielen europäischen Ländern zum medizinischen Alltag gehört, während sie in Deutschland aber weiterhin nicht möglich ist.
Bei der kontrollierten DCD geht es um Patient:innen mit aussichtsloser Prognose, bei denen die Fortsetzung intensivmedizinischer Maßnahmen nicht mehr dem ihrem Willen (meist in einer Patientenverfügung festgehalten) entspricht. Diese Entscheidung muss dabei unabhängig von einer möglichen Organspende getroffen werden. Erst wenn der Kreislaufstillstand eingetreten und der Tod festgestellt ist, kann nach einer definierten Wartezeit eine Organentnahme erfolgen.
Die DCD ist keine Alternative zur Organspende nach Hirntodfeststellung, sondern eine Ergänzung. Sie erschließt eine Gruppe von möglichen Spender:innen, die nach den derzeitigen deutschen Regelungen nicht in Betracht kommt. In Ländern wie der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Spanien ist DCD bereits seit Jahren Teil der Transplantationsmedizin.
Für Menschen auf den Wartelisten bedeutet jede zusätzliche Möglichkeit zur Organspende eine reale Chance auf ein längeres Leben und eine bessere Lebensqualität. Der Organmangel betrifft dabei nicht nur die offiziell Gelisteten. Viele schwer kranke Menschen werden gar nicht erst für eine Transplantation angemeldet, weil die Aussicht auf ein Organangebot zu gering ist oder sich ihr Gesundheitszustand während der Wartezeit zu stark verschlechtert.
DCD ist aber nicht nur eine Frage zusätzlicher Organe. Sie betrifft auch die Selbstbestimmung. Wenn Menschen sich zu Lebzeiten für eine Organspende entschieden haben, sollte dieser Wille grundsätzlich umgesetzt werden können. Dass dies in Deutschland bei einer Spende nach Kreislauftod bislang nicht möglich ist, ist für Betroffene und Angehörige schwer nachvollziehbar.
Der Film des Deutschen Herzzentrums der Charité macht diese Lücke sichtbar. Er zeigt, dass die Diskussion über DCD nicht abstrakt ist. Sie betrifft Menschen, die auf ein Organ warten. Sie betrifft Angehörige, die den letzten Wunsch eines nahestehenden Menschen nicht erfüllen können. Und nicht zuletzt betrifft sie die Frage, ob Deutschland bereit ist, die bestehenden Möglichkeiten der Organspende weiterzuentwickeln.
Die Einführung der DCD würde eine sorgfältige gesetzliche Regelung, verbindliche medizinische Standards und eine klare Trennung zwischen Therapiezieländerung und Organentnahme voraussetzen. Diese Voraussetzungen sind in anderen europäischen Ländern geschaffen worden. Es gibt keinen Grund, warum eine sachliche und verantwortungsvolle Debatte darüber in Deutschland weiter ausbleiben sollte.
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DIATRA hat die rechtlichen und ethischen Fragen rund um Widerspruchslösung und DCD bereits ausführlicher beleuchtet:
Positionspapier "Widerspruch und DCD – ein ethischer Imperativ" (23.06.2026)