Prof. Dr. iur. Christian Höftberger ist seit dem 1. April 2026 als Nachfolger von Prof. Dr. med. Dieter Bach Vorstandsvorsitzender des KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V. und Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft. Im Gespräch mit der DIATRA erläutert er, weshalb in der Nierenmedizin früher angesetzt werden muss – und warum Versorgungssicherheit auch eine Frage von Weiterbildung, Vergütung und Lieferketten ist.
Herr Professor Höftberger, Sie sind promovierter Jurist und Professor für Gesundheitsökonomie. Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich intensiv mit der nephrologischen Versorgung zu beschäftigen?
Prof. Dr. iur. Christian Höftberger: Ich habe über viele Jahre im stationären Krankenhausbereich gearbeitet. Das ist meine berufliche Heimat. Mich fasziniert die Frage, wie man Versorgung besser machen kann: Wie bekommen wir für unsere Kinder, aber auch für unsere eigene Altersgruppe in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren eine gute Versorgung sichergestellt?
Eines der großen Schlagworte ist die Ambulantisierung. Wenn man lange im Krankenhaus gearbeitet hat, begegnet einem immer wieder die Annahme, dass wir Leistungen, die heute stationär erbracht werden, bei passenden Rahmenbedingungen auch ambulant erbringen könnten. Bei der Dialyse gibt es für Patientinnen und Patienten, die dafür geeignet sind – das sind nicht alle – ein sehr gut funktionierendes, qualitativ hochwertiges Verfahren, das zu Hause stattfinden kann. Man muss dann nicht jedes Mal ins Nierenzentrum kommen und sich dort für längere Zeit aufhalten.
Mich fasziniert, ob man diese Form der Versorgung auch als Blaupause für andere Bereiche denken kann. Der zweite große Themenblock ist die Prävention: Viele Menschen gehen lange mit unerkanntem Bluthochdruck, Diabetes oder anderen Nierenerkrankungen durchs Leben. Wir tun aus meiner Sicht noch nicht adäquat genug, um sie rechtzeitig zu erreichen.
Unsere Gesellschaft wird älter. Zugleich fehlt zunehmend Fachpersonal. Was funktioniert im System nicht mehr gut, und was braucht einen Realitätscheck?
Höftberger: Es gibt nicht die eine Maßnahme, es ist ein bunter Blumenstrauß. Der Fachkräftemangel trifft auf eine älter werdende Bevölkerung. Dass wir älter werden, ist an sich etwas Gutes: Medizin macht Fortschritte, und wir können mit Begleiterkrankungen länger leben.
Für die Dialyse führt das allerdings dazu, dass Menschen häufig erst später im Leben erstmals dialysepflichtig werden. Höheres Lebensalter geht im Durchschnitt mit mehr Nebenerkrankungen einher. Damit verändert sich auch der Schwierigkeitsgrad der Behandlung.
Der positive Punkt ist: Wir haben vor der Dialyse Möglichkeiten, präventiv Einfluss zu nehmen. Chronische Nierenerkrankungen werden in Stadien eingeteilt. Mit dem chronischen Nierenversagen im Stadium CKD 5D wird die Dialyse eingeleitet. Wenn wir einen Patienten in einem früheren Stadium haben, können wir durch engmaschige Begleitung, geeignete medikamentöse Behandlung und Lebensstiländerungen versuchen, ihn möglichst lange von der Dialyse fernzuhalten. Das ist die spannende und schöne Aufgabe: die Dialyse nach Möglichkeit zu verhindern oder so weit wie möglich hinauszuschieben. Das KfH sagt deshalb: Nierenschutz vor Nierenersatz.
Dafür müssen wir Ressourcen einsetzen: Menschen, Know-how und Fachkräfte, aber auch Unterstützung durch Digitalisierung und möglicherweise künstliche Intelligenz. Wir müssen früh sehen, wenn sich relevante Parameter der Nierenfunktion verschlechtern, und diese Patientinnen und Patienten dann enger betreuen. Das verlangt auch eine Umschichtung von Ressourcen in den Nierenzentren: hin zu Sprechstunden und Angeboten, die darauf zielen, die Dialysepflichtigkeit möglichst lange zu verhindern.
Sie haben auch auf die Ausbildung von Nephrologinnen und Nephrologen hingewiesen. Mit der Krankenhausreform würden einige Kliniken schließen und als Ausbildungsorte wegfallen. Droht hier tatsächlich ein Nachwuchsproblem?
Höftberger: Nephrolog:innen sind heute schon eine relativ kleine Facharztgruppe. Es gibt deutlich mehr Kardiologen oder Gastroenterologen. Wenn weniger Nachwuchs kommt, zugleich aber Kolleginnen und Kollegen in Rente gehen oder den Bereich verlassen, entsteht eine Enge.
Das hängt auch mit dem Umbau des Krankenhauswesens, unter anderem durch die Krankenhausreform, zusammen. Die Krankenhausreform wird dazu führen, dass wir weniger Orte haben werden, an denen stationäre Nephrologie betrieben wird. Nephrologie ist weitgehend ambulant geprägt. Insofern ist es nicht per se falsch, wenn es weniger stationäre Einrichtungen gibt. Aber nach der Weiterbildungsordnung, wie sie heute gilt, brauchen angehende Nephrologinnen und Nephrologen einen stationären und einen ambulanten Weiterbildungspartner. Wir allein als ambulant tätiger Leistungserbringer können einen Facharzt nicht vollständig zum Nephrologen weiterbilden. Deshalb müssen wir die Weiterbildungsordnung auf die neuen Gegebenheiten zuschneiden.
Wenn das nicht schnell genug geschieht, werden uns bald die Nephrolog:innen ausgehen.
Außerdem halte ich starre Vorgaben, nach denen in Dialysezentren ab bestimmten Patientenzahlen jeweils eine volle weitere nephrologische Fachkraft vorgehalten werden muss, für nicht mehr zeitgemäß. Wir werden flexiblere Modelle brauchen – auch, damit Fachärztinnen und Fachärzte Zeit für Präventionssprechstunden einsetzen können.
Welche Rolle kann die Heimdialyse spielen – und warum wird sie nicht häufiger genutzt?
Höftberger: Bei der Heimdialyse gelten die Betreuungsschlüssel der Zentrumsdialyse nicht in derselben Weise. Eine Ärztin oder ein Arzt kann auch Patientinnen und Patienten betreuen, die zu Hause dialysieren und regelmäßig zur Sprechstunde kommen.
Für diejenigen, die dafür geeignet sind, hat die Heimdialyse erhebliche Vorteile. Sie ermöglicht mehr zeitliche Autonomie. Wer dreimal in der Woche in ein Zentrum fahren muss, wird jedes Mal aus dem Tagesablauf herausgenommen. Das kann Erwerbstätigkeit, Homeoffice, Schule oder Ausbildung erschweren. Deshalb fördern wir die Heimdialyse bewusst. Das „H“ in unserem ursprünglichen Namen ist Teil unserer DNA.
Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben: Nicht alle Patientinnen und Patienten sind gesundheitlich für die Heimdialyse geeignet. Bei dieser Art der Dialyse muss man sich zusätzlich selbst punktieren oder von Angehörigen dabei unterstützt werden. Das ist etwas, was viele Menschen scheuen. Man muss auch zu Hause sehr auf die hygienischen Bedingungen achten.
Viele Patientinnen und Patienten sind bei Dialysebeginn bereits älter. Wenn die Finger zittern oder die notwendigen Schritte beim Anschließen schwerfallen, kann die Versorgung zu Hause eine große Herausforderung sein. Heimdialyse können wir deshalb nur verantworten, wenn alle notwendigen Schritte sicher gelingen.
Zudem ist sie nicht vollständig transportfrei: Die Patientinnen und Patienten müssen regelmäßig mit Material versorgt werden. Trotzdem ist das etwas anderes, als dreimal wöchentlich in ein möglicherweise weiter entferntes Zentrum fahren zu müssen.
Sie sagen zugleich, dass sehr kleine Zentren künftig schwer aufrechtzuerhalten sein könnten. Bedeutet das längere Wege für Patientinnen und Patienten?
Höftberger: Das ist eine schwierige Abwägung. Sehr kleine Zentren brauchen Fachpersonal sowie Urlaubs- und Krankheitsvertretungen. Das ist bei knappen Facharztressourcen nicht leicht zu organisieren. Hinzu kommt: Eine Vertretung kennt Patientinnen und Patienten im langjährigen Verlauf nicht so gut wie die eigentlich behandelnde Person.
Es spricht deshalb einiges dafür, darüber nachzudenken, ob größere Einheiten auch in der Dialyse ein Lösungsweg sein können – selbst wenn damit längere Fahrtwege verbunden sind. Aber anders als beim Krankenhaus kommen Zentrumspatientinnen und -patienten in der Regel dreimal in der Woche zur Dialyse. Dreimal in der Woche weiter fahren zu müssen ist etwas anderes als ein gelegentlicher Krankenhausaufenthalt. Die Problemlage ist ähnlich, aber nicht vollständig vergleichbar.
Das Finanzierungssystem muss diese Entwicklung mitdenken. Wenn kleine Strukturen personell nicht dauerhaft zu halten sind, größere Zentren aber finanziell nicht passend abgebildet werden, entsteht ein schlechter Anreiz.
Warum fließt aus Ihrer Sicht nicht mehr Geld in Prävention, wenn sie Dialysepflichtigkeit verhindern oder zumindest hinausschieben kann?
Höftberger: Jetzt spricht der Gesundheitsökonom aus mir: Politisch profitieren von Prävention häufig diejenigen, die nach mir kommen. Prävention zahlt sich nicht morgen aus, sondern wirkt langfristig. Wer heute unter finanziellem Druck steht, kann den Reflex haben, zunächst die Probleme zu lösen, die unmittelbar auf dem Tisch liegen. Ich kann diesen Reflex nachvollziehen, halte ihn aber nicht für richtig.
Gerade bei chronischen Nierenerkrankungen ist es gut, in Prävention zu investieren: in Screenings für Menschen mit Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetesrisiko und darin, die Nierenprophylaxe ins Bewusstsein zu bringen. Durch eine vernünftige Einstellung des Blutdrucks und die Behandlung weiterer Risikofaktoren kann die Dialysepflichtigkeit hinausgezögert werden.
Welche Rolle spielen Nierentransplantation und Organspende für das KfH?
Höftberger: Wir haben als KfH die Deutsche Stiftung Organtransplantation gegründet. Wir sind davon überzeugt, dass die Organspende eine wichtige Möglichkeit ist, Menschen mit dialysepflichtiger chronischer Nierenerkrankung von der Dialyse wegzubekommen. Wenn man unseren Namen ausschreibt, heißt er Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e. V. Die Transplantation gehört somit zu unserem Auftrag.
Entscheidend ist für mich die Frage: Wie können wir die Perspektive der Menschen verbessern, die in Deutschland circa 8 Jahre auf eine Niere warten und oft auf der Warteliste versterben.
Das KfH freut sich über jede Initiative, die die Organspende erleichtert, bei der Lebendnierenspende ebenso wie bei der postmortalen Spende.
Wenn man mit offenen Augen durch das Land geht, sieht man überall Organspendeausweise, die man ausfüllen kann. Die Widerspruchslösung führt dafür nachweislich zum einem höheren Organspendeaufkommen. Deshalb bin ich persönlich ein Freund der Widerspruchslösung. In Österreich, wo ich herkomme, gilt dieses Modell. Danach ist ein Mensch grundsätzlich Organspender, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich. Somit werden die Angehörigen von dieser schweren Entscheidung erleichtert. Dabei ist es selbstverständlich, dass eine Organentnahme nur nach sicherer Feststellung des irreversiblen Todes und in einem geordneten Verfahren erfolgen kann.
Die Dialyse ersetzt nicht die Funktion einer gesunden, sondern einer kaputten Niere. Für die Lebensqualität ist natürlich eine Nierentransplantation das Beste.
Was wünschen Sie sich abschließend von den politischen Entscheidungsträgern, damit die nephrologische Versorgung zukunftsfähig und krisensicher wird?
Höftberger: Vor allem wünsche ich mir, dass wir Prävention stärker fördern. Bei Patientengruppen, bei denen ein erhöhtes Risiko für eine Nierenerkrankung besteht, sollten die relevanten Werte frühzeitig und systematisch bestimmt werden. Initiativen, die Nierenerkrankungen rechtzeitig erkennen helfen, wären aus meiner Sicht sinnvoll und gut angelegtes Geld.
Wenn man über Resilienz in einer unsicheren Weltlage spricht, muss man auf die Produkte schauen, die für Dialyse benötigt werden. Dialysierflüssigkeiten und Verbrauchsmaterialien sind energieintensiv in der Herstellung und großvolumig im Transport. Wir lagern nicht einfach eine Schachtel Tabletten ein, sondern brauchen erhebliche Mengen an Material zuverlässig verfügbar.
Wir sollten daher prüfen, welche Verfahren im Krisenfall helfen könnten, etwa dezentrale Möglichkeiten zur Aufbereitung oder Herstellung von Dialysierflüssigkeiten. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie abhängig Versorgung von funktionierenden Lieferketten sein kann.
Dialysepflichtige Patientinnen und Patienten fallen in solchen Betrachtungen leicht hinten herunter. Wir müssen dafür sorgen, dass der Fokus auch in Krisenlagen auf ihrer sicheren Versorgung liegt.
Herr Professor Höftberger, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das Gespräch führte DIATRA-Redakteurin Agata Stark