Zwischen der medizinischen Feststellung eines irreversiblen Hirnfunktionsausfalls und der Organentnahme erleben viele Angehörige eine Phase großer Verunsicherung und emotionaler Überforderung. In diesem sensiblen Zeitraum kann ein bewusst gestalteter Abschied eine entscheidende Rolle spielen, sowohl für Familien als auch für das Behandlungsteam.
In der Fachzeitschrift „Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin“ wurde kürzlich eine Publikation veröffentlicht, die den sogenannten Honor Walk als strukturiertes, interprofessionelles Ritual beschreibt. Anhand praktischer Erfahrungen aus der Intensivmedizin zeigt der Beitrag, wie dieser Ansatz den Organspendeprozess menschlicher gestalten und gleichzeitig Angehörige wie auch Mitarbeitende unterstützen kann.
Was ist ein Honor Walk?
Ein Honor Walk bezeichnet einen bewusst gestalteten, stillen Abschiedsweg innerhalb des Krankenhauses. Angehörige, Pflegende und Ärzt:innen stehen dabei auf dem Weg von der Intensivstation in den Operationsbereich Spalier und begleiten den Organspender bzw. die Organspenderin nach Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls [IHA: vollständiger, nicht rückgängig zu machender Ausfall aller Hirnfunktionen einschließlich des Hirnstamms]. Dieser symbolische Akt schafft Raum für Würde, Respekt und persönliche Nähe in einer Situation, die sonst stark von technischen und organisatorischen Abläufen geprägt ist.
Das Spalierstehen ist dabei keine formale Zeremonie, sondern ein sichtbares Zeichen der Anerkennung gegenüber der verstorbenen Person und der Entscheidung zur Organspende. Für Angehörige kann dieser gemeinsame Weg helfen, den Übergang zwischen intensivmedizinischer Versorgung und endgültigem Abschied bewusst wahrzunehmen und emotional einzuordnen; für das Behandlungsteam bietet er die Möglichkeit, innezuhalten und dem Prozess eine menschliche Dimension zu geben.
Warum ist ein solcher Abschied bedeutsam?
Die Studie zeigt, dass Angehörige die Zeit zwischen IHA-Feststellung und Organentnahme oft als entfremdend empfinden. Ein strukturierter, wertschätzender Abschiedsprozess kann dabei helfen, diesen Abschnitt menschlicher zu gestalten und den Familien das Gefühl zu geben, dass ihr Verlust nicht nur medizinisch, sondern auch emotional begleitet wird.
Für das Klinikteam birgt der Prozess einen weiteren Vorteil: Er schafft Raum für Reflexion über die eigene Rolle, fördert die interprofessionelle Zusammenarbeit und stärkt die Kommunikation im Team.
Honor Walk im klinischen Alltag – ein Beispiel aus Bonn
Am Universitätsklinikum Bonn wurde ein interprofessioneller Prozess entwickelt, der Honor Walks strukturiert in den Organspendeablauf integriert. Dazu gehören:
die frühzeitige Einbindung von Transplantationsbeauftragten,
regelmäßige interprofessionelle Besprechungen,
psychosoziale Unterstützung durch Kriseninterventionsteams [KIT: spezialisiert auf akute emotionale Unterstützung],
sowie die Möglichkeit für Angehörige, den Abschiedsraum individuell zu gestalten.
Begleitend werden symbolische Elemente eingesetzt wie individuell vorbereitete Mappen mit Handabdruck und Unterschriften der beteiligten Teammitglieder: als Zeichen von Mitgefühl und professioneller Verbundenheit.
Ein Blick über die Klinikmauern: Honor Walk in der Serie „The Pitt“
Der Honor Walk gewinnt nicht nur im klinischen Alltag, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung an Bedeutung. In der US-Fernsehserie „The Pitt“ wird eine solche Szene eindrucksvoll dargestellt: Das Krankenhauspersonal steht Spalier, als ein junger Patient (nach Hirntod und mit Zustimmung der Familie zur Organspende) auf seinem letzten Weg begleitet wird. Diese Szene machte vielen Zuschauer:innen erstmals die emotionale Tiefe und Würde dieses Rituals bewusst. (Mehr dazu in unserem Artikel „The Pitt: Wenn Fernsehen Herzen bewegt“)
Die mediale Darstellung führte dazu, dass sich mehr Menschen aktiv mit dem Thema Organspende auseinandersetzten, Informationen suchten und Gespräche darüber führten. Das Beispiel zeigt, dass emotionale Zugänge eine wichtige Ergänzung zur medizinischen Aufklärung darstellen können.
Zwischen Medizin, Ritual und Menschlichkeit
Ein Honor Walk ist mehr als ein Abschied im Krankenhausgang: Er verbindet hochspezialisierte Intensivmedizin mit menschlicher Nähe und ethischer Reflexion. Die jetzt veröffentlichte Arbeit verdeutlicht, dass strukturierte Rituale Angehörigen helfen können, Verlust zu verarbeiten, und zugleich dem Behandlungsteam Orientierung und Halt geben. In Kombination mit einer sensiblen öffentlichen Darstellung - wie etwa in „The Pitt“ - kann der Honor Walk dazu beitragen, Organspende als einen zutiefst menschlichen Akt von Solidarität und Mitgefühl wahrnehmbar zu machen.