Deutschland meldet 2025 mehr transplantierte Organe als im Vorjahr. Doch über 8.000 Menschen warten weiter auf ein Spenderorgan. Der deutsche Sonderweg in der Organspende bleibt ein strukturelles Problem mit tödlichen Folgen.
Deutschland beschreibt sich selbst gern als solidarische Gesellschaft. Doch bei der Organspende zeigt sich seit Jahren eine unbequeme Realität: Solidarität wird politisch und rechtlich nicht konsequent strukturell verankert. Während viele europäische Nachbarländer ihre rechtlichen Rahmenbedingungen weiterentwickelt haben, verharrt Deutschland auf einem Sonderweg, und dies mit konkreten Folgen für tausende schwerkranke Menschen.
Zwar verzeichnen die Statistiken zuletzt einen moderaten Anstieg (s. „
DSO: Organspende - Höchststand, aber...“ vom 13. Januar 2026). Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 3.256 Organe transplantiert, deutlich mehr als 2024 (3.013). Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) spricht vom besten Stand seit über einem Jahrzehnt. Doch dieser Befund darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Grundproblem ungelöst bleibt: Zum 31. Dezember 2025 standen 8.199 Menschen aktiv auf der Warteliste für ein Spenderorgan. Für viele bedeutet das jahrelanges Warten, für manche sogar das Versterben auf der Warteliste.
Ein System, das Verantwortung verlagert
Innerhalb des Eurotransplant-Verbundes nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein. Als einziges Mitgliedsland setzt es ausschließlich auf die (erweiterte) Zustimmungslösung. Organspende ist damit kein gesellschaftlicher Regelfall, sondern eine Entscheidung, die aktiv herbeigeführt werden muss, in der Regel in einer Ausnahmesituation, nämlich nach der Hirntodfeststellung eines Angehörigen.
In der Praxis bedeutet das: Angehörige sollen stellvertretend entscheiden, oft ohne den dokumentierten Willen der verstorbenen Person zu kennen, unter Zeitdruck und in einem Moment akuter emotionaler Überforderung. Diese Entscheidungssituation ist nicht nur belastend, sie ist strukturell problematisch. Unsicherheit, Zweifel und das Bedürfnis, nichts „falsch“ zu machen, führen verständlicherweise häufig zu Ablehnung. Der Grund für die Anblehnung liegt häufig nicht in einer grundsätzlichen Gegnerschaft gegenüber der Organspende, sondern schlichtweg in der Überforderung der Hinterbliebenen.
Ein System, das Entscheidungen über Leben und Tod systematisch in den Ausnahmezustand verlagert, kann kein gutes sein.
Warum aktuelle Zuwächse nicht ausreichen
Die zuletzt gestiegenen Zahlen sind real, aber begrenzt. Der Zuwachs bei den Transplantationen im Jahr 2025 ändert nichts daran, dass die Lücke zwischen Bedarf und Verfügbarkeit weiterhin erheblich ist. Über 8.000 wartende Patient:innen stehen weniger als 1.000 postmortalen Spender:innen gegenüber.
Im Vergleich unter den Eurotransplant-Ländern (Belgien, Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Slowenien, Ungarn) liegt Deutschland bei den Organspendern pro Million Einwohner weiterhin im unteren Bereich – die gilt leider auch für 2025.
Dass absolute Zahlen leicht steigen, ist leider kein Beleg für einen funktionierenden Systemwechsel, sondern zeigt vielmehr, wie niedrig das Ausgangsniveau über Jahre hinweg war.
Es geht auch anders
Viele europäische Länder haben ihre rechtlichen Rahmenbedingungen angepasst. Modelle wie die Widerspruchsregelung machen Organspende zum Regelfall, ohne die individuelle Entscheidungsfreiheit aufzuheben. Der persönliche Widerspruch bleibt jederzeit möglich.
Diese Systeme zwingen niemanden zur Spende. Sie setzen jedoch eine klare gesellschaftliche Grundannahme: Organspende ist Ausdruck solidarischer Normalität und nicht eine Ausnahme, die erst unter maximalem Druck hergestellt werden muss. Entscheidungen werden vorverlagert, Angehörige entlastet, Verantwortung klarer verteilt.
Deutschland hingegen hält an einem Modell fest, das Entscheidungen genau dann verlangt, wenn Menschen am wenigsten entscheidungsfähig sind.
Solidarität importieren, Verantwortung vermeiden
Hinzu kommt ein grundlegender Widerspruch: Deutschland lehnt eine Widerspruchsregelung nach wie vor ab, profitiert im Eurotransplant-Verbundsystem jedoch von Organen aus Ländern, in denen genau diese Regelung gilt.
Das rettet Leben – kaschiert aber zugleich ein strukturelles Ungleichgewicht. Solidarität wird in Anspruch genommen, ohne sie im eigenen System konsequent zu verankern. Verantwortung wird faktisch ausgelagert.
Für ein Land mit dem Anspruch, ein verlässlicher Partner im europäischen Gesundheitsraum zu sein, ist diese Asymmetrie schwer zu rechtfertigen.
Zusätzlicher Druck auf ein fragiles System
Der Bedarf an Spenderorganen bleibt hoch. Gleichzeitig verschärfen demografische Entwicklungen die Situation: Spender:innen werden älter, Begleiterkrankungen nehmen zu, die Zahl und die Qualität transplantierbarer Organe pro Spender sinkt. Diese Trends sind bekannt. Und sie treffen auf ein System, das bereits heute nicht ausreichend leistungsfähig ist.
Politische Antworten ohne Perspektivwechsel
Die politischen Reaktionen folgen seit Jahren demselben Muster: Informationskampagnen, Register, Appelle an die individuelle Bereitschaft. All das ist sinnvoll, reicht jedoch nicht aus. Ein System, das seine Grundlogik nicht hinterfragt, wird auch mit verbesserten Abläufen keine grundlegend anderen Ergebnisse erzielen. Vor diesem Hintergrund wird seit Jahren über eine Reform der Organspende in Deutschland diskutiert, so auch die Einführung einer Widerspruchslösung. Bislang bleibt es jedoch bei politischen Entwürfen – eine verbindliche, grundlegende Entscheidung steht nach wie vor aus.
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch
Organspende ist keine abstrakte ethische Debatte. Sie entscheidet über Lebenszeit, Lebensqualität und Überleben. Sie betrifft Menschen, die mit Dialyse, Herzunterstützungssystemen oder fortschreitendem Organversagen leben – oft über Jahre hinweg, mit begrenzter Perspektive.
Ein System, das hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, ist kein Zeichen besonderer ethischer Sensibilität. Es ist Ausdruck fehlenden politischen Mutes und mangelnder struktureller Konsequenz.
Zeit für Klarheit
Der deutsche Sonderweg ist historisch erklärbar: Er wurzelt in der besonderen ethischen Sensibilität Deutschlands nach der NS-Zeit, in der starken Betonung individueller Selbstbestimmung und in politischen Kompromissen, die die erweiterte Zustimmungslösung festgeschrieben haben. Doch erklärbar heißt nicht gerechtfertigt. Wer Organspende ernst nimmt, muss bereit sein, die Grundannahmen des Systems zu überprüfen – nicht nur seine Oberfläche zu optimieren.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Reformen notwendig sind. Sondern wie lange man noch bereit ist, die bekannten Konsequenzen des Zögerns zu akzeptieren.