PD Dr. Franz Immer ist CEO und Medical Director von Swisstransplant, Facharzt für Herzchirurgie FMH und Mitglied im medizinisch-wissenschaftlichen Beirat des DIATRA-Verlags. Im Gespräch erklärt er, wie die Schweiz ihre Organspende weiterentwickelt, welche Rolle Intensivstationen und die DCD-Spende spielen – und warum die Würde des Verstorbenen für ihn an erster Stelle steht.
Herr Dr. Immer, als Direktor von Swisstransplant haben Sie maßgeblich dazu beigetragen, dass die Schweiz ihre Spenderzahlen verdoppeln konnte. Wir als Verlag mit Sitz in Deutschland würden natürlich gerne wissen, wie Ihnen das gelungen ist und ob Deutschland das auch erreichen könnte.
PD Dr. Franz Immer: Ja, da sind ganz viele Kolleginnen und Kollegen, die mich dabei unterstützt haben. Es war vielmehr eine Gemeinschaftsleistung.
Der erste und wichtigste Schritt war, auch die Intensivmediziner einzubinden. Früher waren es eigentlich nur die Transplantationsmediziner, die über die Organspende gesprochen haben – was in meinen Augen zu kurz gegriffen ist.
Dann kamen weitere Umstände hinzu. Die DCD-Spende war zwischenzeitlich eingestellt worden, weil es Unklarheiten in der Todesdiagnostik und in den Medien gab. Ich organisierte mit meinem Team einen Round Table und holte alle relevanten Vertreter dazu. Nach 45 Minuten war klar, dass es nicht im Sinne des Gesetzgebers war, diese Spendeform einzustellen. Deshalb führten wir die DCD-Spende am Universitätsspital Zürich wieder ein.
Es gab zudem regionale Asymmetrien: Einige Spitäler melden viele Spender, andere nie – ein bekanntes Phänomen. Ich konnte die Universitätsspitäler und das Bundesamt für Gesundheit motivieren, eine Studie durchzuführen. Alle akkreditierten Intensivstationen erfassten über ein Jahr hinweg ihre Todesfälle, um das Potenzial und die Gründe für die Unterschiede herauszufinden. Gemeinsam mit Bund und Kantonen wurde dann ein Aktionsplan ins Leben gerufen – mehr Organe für Transplantationen –, der letztlich die Professionalisierung von Swisstransplant und des gesamten Organspendewesens in der Schweiz erst ermöglicht hat.
Ich spreche hier von aktuell rund 165 Fachpersonen in der Organ- und Gewebespende, die ausgebildet, geschult und auch finanziert werden. Wir sind hier als Stiftung auf der Spenderseite in einem Mandat der Kantone, was uns viel mehr Einflussmöglichkeiten auf die Spitäler gibt.
Was sind die wesentlichen Unterschiede bei Diagnostik und Auswirkungen von DBD (Donation after Brain Death) und DCD (Herz-Kreislauf-Tod) auf die Organspende? Bleibt die Debatte lediglich medizinisch?
Immer: Ich glaube, die Frage ist sehr vielschichtig. Die DCD-Spende hat ein großes Potenzial, weil damit ein deutlich größeres Spenderkollektiv infrage kommt. Dabei handelt es sich häufig um Patientinnen und Patienten mit aussichtsloser Prognose, die jedoch nicht hirntot werden.
Die Diskussion darüber, wann der Tod „permanent“ oder „irreversibel“ ist, wird medizinisch und ethisch intensiv geführt. Entscheidend ist aber: In beiden Fällen wird der Tod nach klar definierten Kriterien festgestellt. Beim DBD ist die Hirnfunktion vollständig und irreversibel erloschen; beim DCD führt der dauerhafte Herz-Kreislauf-Stillstand zum Ausfall der Hirnfunktion.
Wichtig ist zudem, dass bei DCD die Entscheidung, eine aussichtslose Behandlung zu beenden und nicht zu reanimieren, unabhängig von einer möglichen Organspende getroffen wird. Erst danach stellt sich die Frage einer Spende. Ein Teil der Debatte ist daher weniger medizinisch als vielmehr von gesellschaftlichen Fragen und Ängsten rund um die Feststellung des Todes geprägt.
Das Regelwerk zur Spende in der Schweiz ist der Swiss Donation Pathway. Was beinhaltet dieser?
Immer: Er ist öffentlich zugänglich, auf Deutsch, Französisch und Englisch, und wird immer wieder revidiert und aktualisiert. Er enthält elf Module zu Angehörigengesprächen, zur DCD-Spende und zum Donationmanagement, die unseren Fachpersonen als „Kochbuch“ dienen und zeigen, wie der Prozess in der Praxis idealerweise abzulaufen hat.
Welche Rolle spielen für Sie die Angehörigen bei der Organspende und reicht Aufklärung für eine hohe Zustimmungsrate?
Immer: Für mich sind die Angehörigen das zentrale Element. Es geht um die Wertschätzung, den Respekt und die Begleitung einer Familie in einer sehr, sehr schwierigen Situation. Dieser Respekt reicht bis in die Organentnahme hinein.
Deshalb ist die Betreuung der Angehörigen durch unsere Fachpersonen sehr zentral – so, wie sie das in Deutschland auch machen. Wir kontaktieren die Familien und bieten ihnen nach drei Monaten eine Trauergruppe an, in der sie das Erlebte mit anderen Betroffenen diskutieren können. Bei jährlichen Familientreffen kommen mittlerweile 50 bis 60 Familien zusammen, die sich auch über den Spendeprozess austauschen.
Aber das führt nicht zu einer besseren Zustimmung, um auf den Kern der Frage zurückzukommen. Unsere Ablehnungsrate liegt bei ca. 60 %. Das ist sehr hoch – und das liegt eigentlich nicht an der Frage oder an der Betreuung. Es ist dem Umstand geschuldet, dass wirklich mehr als die Hälfte der Familien den Wunsch des Verstorbenen nicht kennen. Dann wird, wie bei Ihnen in Deutschland, die Spende großmehrheitlich abgelehnt.
Aber deshalb sind wir doch sehr zuversichtlich, dass wir mit der Einführung der erweiterten Widerspruchsregelung, wie sie durch das Stimmvolk beschlossen wurde, zusätzliche Spenden gewinnen werden – in Fällen, in denen die Angehörigen nicht stellvertretend einwilligen können.
Welche Werte führen Sie und Swisstransplant bei der Arbeit?
Immer: Das war mir schon als Herzchirurg wichtig: Wenn ich Familien in schwierigen Situationen begleiten musste, wollte ich eben diese Empathie und diese Menschlichkeit hineinbringen. Unsere Fachpersonen geben diese Werte wirklich weiter. Swisstransplant kann diese Werte auch hinaustragen. Ich glaube, das gibt Vertrauen und motiviert auch die Kolleginnen und Kollegen auf den Intensivstationen, sich in diesen Prozess hineinzugeben. Ich selber habe im Transplantationsdienst 50 Herzen entnommen und bin immer noch einmal neben den Verstorbenen stehen geblieben. Ich habe 20, 30 Sekunden innegehalten, mich bedankt und in Gedanken Abschied genommen. Dann habe ich das Organ für unseren Empfänger mitgenommen. Das spiegelt die Menschlichkeit und Würde wider, die von Anästhesie und Intensivmedizin sehr positiv wahrgenommen werden.
Jetzt, wo es in der Schweiz zunächst einmal die erweiterte Zustimmungsregelung und später die Widerspruchsregelung gibt: Was denken Sie persönlich, wenn Sie die aktuelle Debatte im Deutschen Bundestag betrachten?
Immer: Die Diskussion hier ist relativ schwierig. Die haben wir in der Schweiz auch. Wir kommen mittlerweile auf gut 20 Spendende pro Million Einwohner.
Wir wissen aus unseren Indikatoren, dass wir heute wahrscheinlich europaweit auf den Intensivstationen eine der besten Raten bei der Erkennung und Meldung von Spendenden haben. Da kann natürlich schon die Frage aufkommen, ob wir die Widerspruchsregelung noch brauchen. Aber sie wurde glücklicherweise schon etwas früher beschlossen.
Was erhoffen Sie sich für die Organspende von der Einführung der Widerspruchsregelung?
Immer: Ich schätze, die Widerspruchsregelung wird in der Schweiz die Ablehnungsrate von aktuell 60 % senken.
Das wird dann auch spannend sein zu sehen, wie sich die gesamte Transplantation entwickelt. Wir sind schon heute in der Situation, dass wir gerade einmal zehn Patienten auf der Herzwarteliste haben. Das heißt: Wenn Sie heute Blutgruppe A haben, sind Sie innerhalb von zwei Wochen transplantiert. Bei der Lunge sieht es ähnlich aus. Die Wartezeit bei der Niere liegt heute im Median bei etwas über zwei Jahren; früher waren es vier bis fünf Jahre.
Und ich bin gespannt zu sehen, wie sich das System entwickeln wird: ob wir mehr Organe zuteilen können, ob mehr Menschen gelistet werden, wie das in anderen Ländern auch passiert ist, oder ob wir – wie wir das heute bereits machen – schlicht und einfach mehr Organe in unsere Partnerländer in Europa exportieren.
Was denken Sie persönlich, wenn Sie die aktuelle Debatte im Deutschen Bundestag über die Widerspruchsregelung betrachten?
Immer: Wenn ich diese politische Debatte verfolge und Stellungnahmen von Juristinnen und Juristen lese, habe ich oft den Eindruck, dass in dieser Diskussion etwas vergessen wird: Einerseits gibt es Menschen, die ein Organ brauchen. Andererseits gibt es einen Patienten oder eine Patientin, bei dem oder der die Behandlung beendet werden soll, weil die Prognose aussichtslos ist und das Leben nicht gerettet werden kann.
Und dann ist es enttäuschend zu sehen, dass Menschen, die eigentlich gerne spenden würden, dies in Frankreich, Österreich oder der Schweiz könnten, in Deutschland aber nicht spenden können, weil die DCD-Spende nicht erlaubt ist. Das ist schwierig.
Und ich glaube, wenn ich etwas in der politischen Debatte gelernt habe, dann, dass es um Solidarität geht.
Es ist ein Akt der Solidarität, dass man solche Dinge regeln sollte. Und ich habe mich hinreißen lassen, mal in einem deutschen Interview zu sagen, dass es eigentlich die Pflicht und die Aufgabe des Staates ist, für das Wohl und die Gesundheit der Bevölkerung zu sorgen.
Möchten Sie etwas den Betroffenen, Fachexpert:innen und Politiker:innen in Deutschland ausrichten?
Immer: Ich habe in den Debatten in der Schweiz sehr gut gespürt, dass man 80, 100 Todesfälle auf der Warteliste pro Jahr nicht gleichgültig hinnimmt, egal, in welcher politischen Fraktion.
Was ich mir wünschen würde, ist, dass man diese Prinzipien und diese Diskussionskultur auch als Politiker in der eigenen Verantwortung sieht. Man ist eben auch dafür verantwortlich, in einem Land Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Organspende möglich machen, damit die Menschen Aussicht auf die Zuteilung eines Organs haben und so letztendlich auch eine neue Lebensqualität gewinnen können. Politiker sollten daran denken, dass es im Auftrag der Verfassung geregelt ist, dass der Staat für das Wohl der Bevölkerung verantwortlich ist. Das gehört dazu.
Herr Dr. Immer, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das Gespräch führte DIATRA-Redakteurin Solveig Rabe